Der Mensch steht im Mittelpunkt:
Wie Matthias Lösch Inklusion
selbstverständlich macht

Roland Riedel Garten- und Landschaftsbau hat Tradition: 1960 gründete Roland Riedel den Betrieb mit Schubkarre und Spaten, als klassischer Zierpflanzengärtner in einer Zeit des Aufbruchs. Seit 1995 führt Matthias Lösch das Unternehmen mit heute rund 30 Mitarbeiter*innen in Berlin weiter – spezialisiert auf Grünflächenpflege, Neubau und Baumpflege.

„Unser Kundenspektrum reicht von Privatkundschaft und dem privaten Wohnungsbau über Kirchengemeinden, Stiftungen bis hin zu Firmenkunden. Ausschreibungen brauchen wir kaum noch, unsere Arbeit spricht für sich“, sagt Lösch. Wirtschaftlicher Erfolg und menschliche Nähe schließen sich für ihn nicht aus. „Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter stehen im Mittelpunkt. Maschinen kann man ersetzen, Menschen nicht“, betont er. Dieses Leitmotiv prägt die Betriebskultur – und ist zugleich Grundlage seiner Überzeugung, dass Inklusion im Arbeitsalltag selbstverständlich sein sollte.

Massimo und Thomas Seifahrt

Massimo (l.) ist seit Jahren wertvolles Mitglied des Teams, hier mit seinem Vorarbeiter Thomas Seifahrt (r.).

„Wenn man offen aufeinander zugeht, braucht es keine Barrieren.“

Gelebte Inklusion – statt theoretischem Konzept

Das Thema Inklusion kam bei Lösch nicht aus einem Förderprogramm, sondern aus einem echten Begegnungsmoment auf. Vor über zwanzig Jahren kam Massimo, ein junger Mann, der in der Gartenpflege bei einer Werkstatt für Menschen mit Behinderung arbeitete, auf ihn zu. „Er hat uns beim Arbeiten beobachtet und gefragt, ob er mal mithelfen darf“, erinnert sich Lösch. Aus zwei Stunden Probearbeit wurde ein dreiwöchiges Praktikum – und schließlich eine feste Anstellung, die bis heute besteht.

„Massimo wollte einfach in einer richtigen Firma arbeiten“, erzählt Lösch. „Er hat gesagt: ‚Ich will eine richtige Arbeit haben‘. Das hat uns beeindruckt.“ Heute ist Massimo ein fester Bestandteil des Teams. Er kümmert sich um Unkrautbeseitigung, unterstützt beim Heckenschnitt, bereitet Geräte vor. „Er macht das mit einer Intensität, die ansteckend ist“, sagt Lösch. „Und das Team weiß das zu schätzen.“

„Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter stehen im Mittelpunkt. Maschinen kann man ersetzen, Menschen nicht.“

Vielfalt als Normalität

Neben Massimo arbeitet auch Adam, ein gehörloser Kollege, im Betrieb. Die Kommunikation läuft mit Dolmetscherinnen oder Dolmetschern, Gebärden, Gesten. Und viel gegenseitigem Verständnis. „Das funktioniert erstaunlich gut“, schwärmt Lösch. „Wenn man offen aufeinander zugeht, verschwinden die Barrieren.“ Bei seinem ersten Betriebsmeeting stellte Adam sich mit seinem Namen in Gebärdensprache vor – und symbolisierte jedes Teammitglied mit einer kleinen, individuellen Geste. „Da war das Eis sofort gebrochen“, erinnert sich Lösch. Solche Momente, sagt er, „machen den Unterschied zwischen Arbeit nebeneinander und Arbeiten miteinander“.

Adam, Matthias Lösch und Kollege

Der gehörlose Adam (r.) verständigt sich mit seinem Vorarbeiter Gunther Leopold (l.) mit Händen und Handy.

„Inklusion ist kein Projekt. Es ist eine Überzeugung.“

Lösch selbst kennt das Gefühl, „anders“ wahrgenommen zu werden. Seit seiner Kindheit lebt er mit einer „Redeflussstörung“, Lösch stottert. „Ich ignoriere das einfach und bitte andere, das auch zu tun“, sagt er offen. „Vielleicht macht mich das sensibler für Menschen, die nicht der Norm entsprechen. Aber eigentlich ist es ganz einfach: Wir sind alle verschieden, und das ist gut so.“

Inklusion als Chance gegen den Fachkräftemangel

Im Gespräch wird deutlich: Inklusion ist für Lösch nicht nur ein soziales Anliegen, sondern auch eine kluge Personalstrategie. „Wir reden im GaLaBau ständig über Fachkräftemangel“, sagt er. „Aber viele übersehen, dass es Menschen gibt, die motiviert sind, nur anders arbeiten. Wer offen ist, findet loyale, zuverlässige Kolleginnen und Kollegen.“

Sein Betrieb profitiert davon sichtbar: „Wir haben weniger Fluktuation, ein starkes Wir-Gefühl – und das merken auch unsere Kund*innen. Viele sagen, man spürt bei uns die Atmosphäre, ein familiäres Miteinander. Das ist das schönste Kompliment.“

„Wir reden über Fachkräftemangel – dabei stehen viele motivierte Menschen längst vor der Tür.“

Herausforderung und Bereicherung zugleich

Natürlich erfordert Inklusion Anpassungen. „Gefährdungsbeurteilungen müssen neu gedacht werden, Abläufe klar kommuniziert werden“, erklärt Lösch. In der Praxis begleiten erfahrene Teammitglieder die Kolleginnen und Kollegen mit Einschränkungen, achten auf Sicherheit und übernehmen Kommunikation, wo nötig.

„Das Wichtigste ist das Einfühlungsvermögen – auf beiden Seiten“, betont Lösch. „Aber das ist kein Mehraufwand, sondern eine Investition in Zusammenhalt.“

Roland Riedel Garten- und Landschaftsbau wird dabei von Behörden wie dem Integrationsamt oder der Arbeitsagentur unterstützt, etwa durch Lohnzuschüsse oder die Finanzierung von Dolmetscher*innen. „An der Bürokratie und notwendigen finanziellen Unterstützungen scheitert es nicht“, sagt Lösch. „Man muss sich nur ein bisschen mit der Thematik beschäftigen, dann findet man auch die Unterstützung, die es braucht.“

„Wir schauen auf Stärken, nicht auf Einschränkungen.“

Ausbildung, Teilhabe, Perspektive

Neben seinem Engagement im Betrieb ist Lösch als BGL-Vizepräsident Vorsitzender des Ausschusses Berufsbildung im Bundesverband Garten-, Landschafts- und Sportplatzbau e. V. (BGL). Dort arbeitet er mit daran, neue Wege für inklusives Lernen zu schaffen – etwa durch Kooperationen mit Förderschulen oder Pilotprojekte für angepasste Ausbildungsmodule.

„Ein junger Mensch mit Handicap, der eine Fachwerker-Ausbildung macht, soll auch in eine Vollausbildung wechseln können“, sagt Lösch. „Das ist Chancengleichheit.“ Und er fügt hinzu: „Auch eine Behinderte oder ein Behinderter hat das Recht zu scheitern. Wichtig ist, dass er oder sie überhaupt die Chance bekommt.“

Für die Zukunft wünscht er sich, mehr junge Menschen mit Einschränkungen auszubilden. „Wenn die Rahmenbedingungen stimmen – mit Fachbegleitung und Geduld – ist das eine Win-win-Situation. Für die Jugendlichen und für uns als Branche.“

Matthias Lösch

Für Matthias Lösch ist Inklusion kein Projekt, sondern eine Selbstverständlichkeit.

„Auch eine Behinderte oder ein Behinderter hat das Recht zu scheitern. Wichtig ist, dass er oder sie überhaupt die Chance bekommt.“

Anerkennung und Ansporn

Dass dieses Engagement Wirkung zeigt, wurde mehrfach gewürdigt: Roland Riedel Garten- und Landschaftsbau erhielt 2025 den Annedore-Leber-Preis für beispielhafte Inklusion in der Arbeitswelt, verliehen vom Annedore-Leber-Bildungswerk Berlin.

„Diese Auszeichnung zeigt, dass Inklusion kein Nischenthema mehr ist – sondern Zukunft“, sagt Lösch. Der Annedore-Leber-Preis würdigt Unternehmen, die durch Engagement, Offenheit und soziale Verantwortung Barrieren abbauen und Teilhabe ermöglichen.

Für Lösch ist der Preis kein Schlusspunkt, sondern Ansporn: „Wir machen weiter – nicht für die nächste Trophäe, sondern weil es richtig ist. Weil unsere Gesellschaft und unsere Branche diese Ressource schätzen sollte und braucht.“

Der Blick nach vorn

Inklusion ist für Lösch längst Alltag, aber einer, der weiterwachsen darf. „Wir schauen auf Stärken, nicht auf Einschränkungen“, sagt er. „Das bringt uns weiter: als Team, als Betrieb, als Gesellschaft.“ Er sieht die Zukunft klar: mehr Kooperationen mit Schulen, mehr Offenheit in Betrieben und mehr Mut, neue Wege zu gehen. „Ich wünsche mir, dass Inklusion im GaLaBau irgendwann gar kein Thema mehr ist, weil sie selbstverständlich geworden ist.“

Fotos: Martin Rottenkolber
Autorin: Kim Lüftner

Carsten Peters2026-01-05T09:00:04+01:00
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