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Die Dach- und Fassadenbegrünung gewinnt vor den Herausforderungen des Klimawandels an Bedeutung. Gunter Mann befasst sich seit 30 Jahren mit ökologisch-faunistischen Aspekten der urbanen Gebäudebegrünung. Im Interview erläutert er, warum sie bis heute unterschätzt wird und wie wertvoll sie für Klima, Bewohner und Artenvielfalt sein kann.

Die Bauwerksbegrünung ist eine wichtige Maßnahme zum Klimaschutz im Rahmen der grünen Infrastruktur. Welche Flächen stehen dafür im städtischen Raum zur Verfügung?

Gunter Mann: Wir sind unter Zugzwang, weil wir zu dicht bebaut haben und nicht mehr viele Möglichkeiten haben, Stadtgrün in die Zentren zu bringen. Deshalb müssen wir uns darauf konzentrieren, an und auf vorhandenen Gebäuden nachträglich Fassaden oder Dächer zu begrünen.

Die Statik ist dabei ein zentrales Thema. Beim Neubau ist es leichter. Allerdings werden bei der Dachbegrünung gerade die Mehrkosten bei der Statik oft als Gegenargument angeführt. In einigen Kommunen gibt es Fördergelder für diese Begrünungsformen. Wir haben im letzten Jahr erstmals den BUGG-Marktreport Gebäudegrün mit konkreten Zahlen herausgegeben: 2019 sind 7,2 Millionen Quadratmeter neue Gründachflächen geschaffen worden. Das klingt nach viel? Aber es handelt sich dabei nur um 9 Prozent der neu entstandenen Flachdächer. Wir haben also noch über 90 Prozent freie Flachdachflächen – ein großes Potential!

„Je mehr Dächer begrünt werden, umso mehr werden auch gärtnerische Pflegeleistungen gefragt sein.”

Wo sehen Sie die Gründe für die eher zögerliche Umsetzung?

Gunter Mann: Unsere kürzlich durchgeführte Machbarkeitsstudie ergab, dass immer noch zu viele Vorurteile im Umlauf sind. Zum Beispiel, dass Gebäudebegrünung die Bausubstanz undicht mache, Tiere ins Haus bringe, zu kostenintensiv bei der Pflege sei. Dach- und Fassadenbegrünung hat bis heute ein relativ schlechtes Image. Ein Grund dafür ist das fehlende Wissen, um ihren Wert zu erkennen. Auch der politische Wille könnte stärker sein. Wenn man sich anschaut, wie bereitwillig im Energiebereich Gesetze geändert werden, etwa in der Photovoltaik, da müsste man die Gebäudebegrünung mitnehmen.

Ein Beispiel visionärer Fassaden-Grünkonzepte, verbunden mit attraktiver Architektur: Der Kö-Bogen II in Düsseldorf.

(Foto/s: H. Christian Leonhards)

Dach- und Fassadengrün verbessert nachweislich das Mikroklima, absorbiert Schall und filtert Schadstoffe aus der Luft. Welche Rolle spielt es für den Klimaschutz?

Das lässt sich in drei große Blöcke einteilen: Hitzevorsorge, Überflutungsvorsorge und Artenschutz. Dach- und Fassadengrün leistet Kühl- und Verdunstungsarbeit. Die Dachbegrünung schützt vor Überflutungen, weil sie als riesiger Wasserspeicher bis zu 100 Prozent Jahresniederschlag zurückhalten und kontrolliert an die Kanalisation abgeben kann. Die Verschattung durch Pflanzen kann den mechanischen Verschattungsschutz ersetzen. Und sowohl Dach- als auch Fassadenbegrünung mindern Lärm durch Schallabsorption und binden Feinstaub und CO2 aus der Luft.

Wie können Dachbegrünungen der zurückgehenden Artenvielfalt entgegenwirken?

Gunter Mann: Grundsätzlich wachsen schon bei einer einfachen Extensivbegrünung fünf bis zehn verschiedene Pflanzenarten. Durch einen höheren Substrataufbau kann man die Begrünung bis zum Biodiversitätsgründach steigern. Anhügelungen, Gehölze, Totholz als Nisthilfen, Kies, Wasserflächen: All das schafft viele kleine Lebensräume und erhöht die Artenvielfalt in Fauna und Flora. Wenn wir frostfreie Rückzugsflächen schaffen, zieht das Regenwürmer, Käfer und Nacktschnecken an, die wiederum als Nahrung für Vögel dienen.

Formen der Dachbegrünung

Wie könnten Vorurteile abgebaut und der Mehrwert von Gebäudebegrünung besser vermittelt werden?

Gunter Mann: Ich würde mir eine konzertierte, gemeinschaftliche Image- und Aufklärungskampagne wünschen. Die gibt es in Ansätzen schon in verschiedenen Bundesländern.

Wir müssten unser Wissen mehr nach außen tragen, die Menschen an begrünte Wände heranführen, auf begrünte Dächer bringen. Dach- und Fassadenbegrünung gewinnt vor den Herausforderungen des Klimawandels an Bedeutung. Wenn man auf so einem Dach ist, stellt sich ein besonderes Gefühl ein, eine Mischung aus Ausblick und zugleich Weitblick in die Ferne. Man blickt von oben auf die Welt, beziehungsweise auf die Stadt. Da erlebt man ungestörte Natur an einer Stelle, wo man es gar nicht erwartet hätte.

Wenn wir das vermitteln könnten, wäre viel gewonnen. Wir könnten durch gelungene Praxisbeispiele zeigen, dass es funktioniert und so Ängste nehmen. Das müssen nicht die großen Leuchtturmprojekte sein, auch bei einer Garage oder dem begrünten Schulgebäude können Architektinnen und Architekten, Bauherrinnen und Bauherren sehen: Es ist kein Hexenwerk.

„Wir sehen immer mehr Dachgärten. Hier können GaLaBau-Betriebe gestalterisch aktiv werden mit begehbarem Rasen, Stauden, Gehölzen. Was man ebenerdig im Garten macht, kann man auch fast immer auf dem Dach umsetzen.”

Dach- und Fassadenbegrünungen bieten Spezialisierungschancen für GaLaBau-Betriebe. Welches Wissen ist dafür nötig?

Gunter Mann: Die Extensivbegrünung verlangt weniger gärtnerisches Fachwissen im Anbau und der Pflege. Hier kommen hauptsächlich trockenheitsverträgliche Sedumarten und Steingartengewächse zum Einsatz. Der Trend geht aber glücklicherweise zu Intensivbegrünungen mit höherem Substrataufbau. Dabei ist mehr Pflanzenwissen gefragt.

Wir sehen immer mehr Dachgärten. Hier können GaLaBau-Betriebe gestalterisch aktiv werden mit begehbarem Rasen, Stauden, Gehölzen. Was man ebenerdig im Garten macht, kann man auch fast immer auf dem Dach umsetzen. Listen mit bewährten Pflanzen findet man bei verschiedenen Verbänden.

Je mehr Dächer begrünt werden, umso mehr werden auch gärtnerische Pflegeleistungen gefragt sein. Außerdem braucht man natürlich Fachwissen in Materialkunde, Bewässerungstechnik, man muss mit EDV-gesteuerten Überwachungssystemen arbeiten können. Es gibt Überschneidungen mit anderen Gewerken, etwa beim Thema Regenwasserbewirtschaftung oder der Kombination mit Photovoltaik. Als ich vor 30 Jahren begonnen habe, gab es 10 Materialien im grünen Aufbau. Heute sind es wahrscheinlich hundert. Da muss ich mich als Fachfrau oder Fachmann immer weiterentwickeln.

Können Sie Best-Practice-Beispiele nennen?

Mir gefällt ein Carport mit blühendem Schnittlauch genauso wie die extensive Dachbegrünung auf einem Elektromarkt im Wandel der Jahreszeiten. Natürlich gibt es auch Leuchtturmprojekte wie den Bosco Verticale in Mailand, den KÖ-Bogen II in Düsseldorf oder den riesigen Dachgarten auf dem Frankfurter Skyline Plaza mit Café, Rasenfläche und Tischtennisplatten. Auf dem Dach des Pfanni-Werks in München grasen sogar Schafe. Es ist verrückt, was alles geht!

Venlo: Stadthaus Fassade
Mailand: Bosco Verticale

„Leuchtturmprojekte für ökologisches Bauen: Der Bosco Verticale in Mailand und das Stadthaus in Venlo.“

Berlin Kellberger Dachgarten

Berlin Kellberger Dachgarten

Gunter Mann

Auf Dächern unterwegs: Gunter Mann

Schaf bei Pfanni

Auf dem Dach des Pfanni-Werks in München grasen sogar Schafe.

(Fotos: Gunter Mann)

Werden die urbanen Fassaden und Dächer im Jahr 2050 wie ein botanischer Garten aussehen?

Gunter Mann: Das glaube ich nicht. Ich beobachte die Branche seit 30 Jahren. Wir könnten schon viel weiter sein. Deswegen bin ich verhalten optimistisch. Bei Neubauten werden wir, auch durch Bauauflagen, mehr Gründächer bekommen. Im innerstädtischen Bereich entstehen immer mehr Gärten auf dem Dach. Mir fällt spontan ein Mehrfamilienhaus in Berlin ein. Die Mieterinnen und Mieter haben einen Gemeinschaftsdachgarten mit begehbarem Rasen, Sandkasten für die Kinder, mehreren Hochbeeten zum Urban-Gardening. Es gibt gestaltete Grünflächen mit Bänken, Schattenplätze unter Bäumen. Die perfekte Wohlfühloase, mitten in der Großstadt.

Veröffentlicht 04.2021

Linktipps:

Bewährte Pflanzen für die Dach- und Fassadenbegrünung:

Die Einzelexemplare der Fachbroschüre „Grüne Dächer und Fassaden“ können Mitglieder des Bundesverbands Garten-, Landschafts- und Sportplatzbau e.V. kostenfrei bestellen unter info@galabau.de. Darüber hinaus sind sie für eine Schutzgebühr von 2,99 Euro (zzgl. MwSt. und Versand) in den Landesverbänden des BGL verfügbar.

Zur Person:

Dr. Gunter Mann ist Präsident beim Bundesverband GebäudeGrün e.V. (BUGG) und aktives Mitglied in den FLL-Regelwerksausschüssen, u. a. „Dachbegrünung“ und „Fassadenbegrünung“. Der Diplom-Biologe setzt sich seit 30 Jahren mit der Begrünung von Gebäuden auseinander. Über Vorträge, Fortbildungen, Lehrtätigkeiten und Fachpublikationen bringt er interessierten Fachleuten aus dem Baubereich und der Planung und anderen die positiven Wirkungen begrünter Dächer und Fassaden nahe.

2021-05-03T09:23:04+02:00
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