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Angst vor der Digitalisierung? Die kennt Kolja Neitzel nicht. Der Inhaber der „neitzel und sohn Freiflächenmanagement GmbH“ in Mahlow führt voller Enthusiasmus digitale Systeme ein, die für mehr Effizienz und so für ein besseres Betriebsergebnis sorgen – zum Beispiel ein Geoinformationssystem, eine digitale Zeiterfassung und sogar eine eigene Drohne.

Kolja Neitzel freut sich in einer Zeit zu leben, in der uns die Digitalisierung jede Menge neue Möglichkeiten eröffnet. „Da ist Musik drin“, findet er. In seinem Unternehmen in Mahlow nahe Berlin treibt er ein digitales Projekt nach dem anderen voran, um die Abläufe effizienter, präziser und stressfreier zu gestalten. Und das eigenhändig, denn es macht ihm Spaß, die passende Technik selbst auszusuchen, einzurichten und zu etablieren.

„Ich war beeindruckt, wie schön einfach das ist, dass die Daten alle schon da waren.“

Kolja Neitzel nutzt schon lange digitale Techniken als wichtige Hilfen im landschaftsgärtnerischen Arbeitsalltags – schätzt aber weiterhin auch die Erfahrung seines Vaters

Technikbegeistert, digitalaffin und traditionsverbunden: Unternehmer und Landschaftsgärtner Kolja Neitzel nutzt schon lange digitale Techniken als wichtige Hilfen im landschaftsgärtnerischen Arbeitsalltags – schätzt aber weiterhin auch die Erfahrung seines Vaters.

Genaue Flächenbetrachtung mittels Geoinformationssystem

Seine Faszination für digitale Lösungen begann schon während seines Studiums der Landschaftsarchitektur und Umweltplanung an der Beuth Hochschule in Berlin: 2008 brachte ihn seine Diplomarbeit mit Geoinformationssystemen (GIS) in Kontakt – also mit Systemen, die verschiedene Datenquellen wie Landkarten, Luftbilder und technische Pläne miteinander kombinieren und daraus digitale Karten mit zahlreichen Standortinformationen generieren. Zu Neitzels Bedauern wurde an der Hochschule jedoch nichts zu dem Thema gelehrt.

Ein paar Jahre später – er war mittlerweile im Familienbetrieb aktiv – begann er, im Auftrag der Grün Berlin GmbH große Grünanlagen wie den Britzer Garten und das Gleisdreieck zu betreuen. Erfreut stellte er fest, dass dort bereits ein GIS eingesetzt wurde. „Ich war beeindruckt, wie schön einfach das ist, dass die Daten alle schon da waren“, erinnert er sich.

Geoinformationssysteme (GIS)

Die im GIS verwendeten Daten werden in manchen Fällen mit der eigenen Drohne aufgenommen, stammen aber meist aus bestehenden Quellen. Flächendaten und Luftaufnahmen findet man unter anderem bei Google und Open Street Map.

Für Berlin stellen zum Bespiel das Land Berlin solche Daten frei zur Verfügung: im Umweltatlas der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung.

Open Source war die Lösung

Das Thema ließ ihn nicht los. Sobald er etwas Zeit dafür hatte, holte er Angebote für GIS zum Einsatz im eigenen Unternehmen ein und war schockiert von den hohen Beträgen, die eine Einzellizenz bei herkömmlichen Herstellern kostete. Umso mehr begeisterte ihn die Entdeckung eines Open Source-Programms, das allen Interessierten kostenlos zur Verfügung steht. Wie die meisten Programme, die eine Vielzahl von Daten verarbeiten, ist es jedoch komplex und nicht leicht zu bedienen. „Ich bin computeraffin, habe aber schnell gemerkt: Ich komme nicht weiter“, erzählt der Unternehmer. Auch Online-Tutorials halfen nicht – dafür aber eine Schulung in Kassel, von der er „völlig geflasht“ zurückkehrte. Mit dem dort erworbenen Wissen klappte es, mittlerweile ist die Software schon seit vier Jahren bei Neitzel und Sohn im Einsatz.

Geoinformationssysteme und Orthofotos

Geoinformationssysteme und Orthofotos erleichtern die Arbeit von „neitzel und sohn“. Oft sind die Daten frei verfügbar.

„Da wir hauptsächlich in Berlin tätig sind, habe ich das Glück, für die meisten Projekte kostenfrei und mit wenigen Klicks auf das benötigte Datenmaterial zugreifen zu können. Das ist wirklich sehr reizvoll.“

Gute Datenquellen für das GIS

Die im GIS verwendeten Daten werden in manchen Fällen mit der eigenen Drohne aufgenommen, dazu gleich mehr. Häufig stammen sie aber aus bestehenden Quellen. Flächendaten und Luftaufnahmen findet man zum Beispiel bei Google und Open Street Map.

Am meisten nutzt Neitzel aber die umfangreichen Daten, die das Land Berlin frei zur Verfügung stellt, etwa den Umweltatlas der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung. „Da wir hauptsächlich in Berlin tätig sind, habe ich das Glück, für die meisten Projekte kostenfrei und mit wenigen Klicks auf das benötigte Datenmaterial zugreifen zu können. Das ist wirklich sehr reizvoll“, lobt er. Leider ist der Umgang mit Geodaten in den Bundesländern unterschiedlich geregelt, und wenn er ab und zu Daten aus Brandenburg benötigt, muss er sie erst aufwändig auswählen und dafür bezahlen.

„Auf den Drohnen-Bildern erkenne ich Details wie Bäume, Pflanzflächen oder Spielplätze, bis hin zu einzelnen Steinen.“

Perfekt bei großen Liegenschaften

Neitzel und Sohn ist hauptsächlich für die Wohnungswirtschaft tätig, wo große Liegenschaften die Regel sind. „Ob sich unser Vorgehen für Privatgärten auch lohnen würde, weiß ich nicht“, so der Inhaber. „Aber wir haben einen ganz anderen Bezug zu Flächen. Nur als Beispiel: Wir mähen über drei Millionen Quadratmeter Rasen pro Jahr, mehrfach gemähte Flächen mitgezählt. Viele Arbeiten führen wir über Jahre oder Jahrzehnte immer wieder aus. Da ist es absolut sinnvoll, zuvor die Flächen genau zu ermitteln, um eine vernünftige Grundlage zu haben.“

Drei Generationen Landschaftsgärtner (mindestens!) als „Back-up“: und die Vierte steht schon in den Startlöchern …

drei Generationen Landschaftsgärtner

Kolja Neitzel mit Vater und Großvater, die mit ihrem Wissen und ihrer Erfahrung immer noch im Betrieb mitwirken und die Arbeit bereichern.

Selbst messen ist sicherer

Einmal überprüfte Neitzel in der Angebotsphase zu einem neuen Auftrag die Flächenangaben des potenziellen Auftraggebers, um einen genaueren Eindruck von den Rasen- und Staudenflächen und den somit benötigten Ressourcen zu gewinnen. Mit dem Ergebnis, dass die Angaben um 30 Prozent von dem abwichen, was er selbst ermittelte. Der Grund: Der Auftraggeber arbeitete mit alten Datengrundlagen, die anscheinend lange niemand in Frage gestellt hatte. Ein schönes Beispiel dafür, wie sich durch die Errechnung eigener Flächendaten erhebliche Unproduktivzeiten einsparen lassen.

Kolja Neitzel

Entwickelt selbst eine Software-Lösung zur digitalen Stundenerfassung, unterstützt durch das eine oder andere YouTube-Video: Kolja Neitzel.

„Wir mähen über drei Millionen Quadratmeter Rasen pro Jahr, mehrfach gemähte Flächen mitgezählt. Viele Arbeiten führen wir über Jahre oder Jahrzehnte immer wieder aus. Da ist es absolut sinnvoll, zuvor die Flächen genau zu ermitteln, um eine vernünftige Grundlage zu haben.“

Detailreiche Bilder mit der Drohne

Zurück zur Drohne, einem weiteren Herzensthema des technikbegeisterten Kolja Neitzel: Sein wendiges Luftfahrzeug zeichnet georeferenzierte Orthofotos auf, die noch deutlich genauer sind als die – auch schon guten – Luftaufnahmen des Landes Berlin. „Auf den Bildern erkenne ich Details wie Bäume, Pflanzflächen oder Spielplätze, bis hin zu den einzelnen Steinen“, schwärmt er. Für die Aufmaßerstellung, die Planung und insbesondere die Baustellendokumentation können die Drohnenbilder deshalb sehr nützlich sein.

Es gibt aber auch Nachteile: Unter belaubten Bäumen sind auf den Orthofotos keine Details erkennbar, umgekehrt ist in den Wintermonaten, wenn die Bäume unbelaubt sind, das Wetter oft zu schlecht zum Fliegen. Vor jedem Drohnenflug müssen Anträge gestellt und Einverständniserklärungen eingeholt werden, das ist arbeitsintensiv. Zudem sind gerade in Berlin die Flugkorridore sehr begrenzt. Es braucht also ein bisschen Glück, damit die Drohne tatsächlich aufsteigen kann. Das nimmt Neitzel aber nicht so schwer, denn Freude hat er an seinem Quadrokopter allemal.

Orthofotos

Ein „Orthofoto“ ist ein maßstabsgetreues, verzerrungsfreies Abbild der Erdoberfläche. Es handelt sich oft um Luft- oder Satellitenbilder.

„Ich möchte, dass die Branche da nach vorne kommt“.

Kolja Neitzel

Kolja Neitzel engagiert sich im Vorstand der Landesverbands Garten-, Landschafts- und Sportplatzbau Berlin-Brandenburg e.V. – besondere für das Thema Digitalisierung.

Effiziente Prozesse dank digitaler Zeiterfassung

Sehr viel und regelmäßig im Einsatz ist dagegen die selbstentwickelte Lösung zur digitalen Zeiterfassung. Kolja Neitzel kann kaum glauben, dass viele Unternehmen im GaLaBau (und anderen Branchen) ihre Stunden immer noch auf analogen Wegen erfassen. Schon während seiner Ausbildung zum Landschaftsgärtner nervte es ihn, Stundenzettel zu schreiben und sie ins Büro in einem anderen Stadtteil zu transportieren.

Als er dann in den Familienbetrieb einstieg, empfand er den Prozess, den Stunden der Mitarbeiter hinterherzulaufen als „unglaubliche Zeitverschwendung“. Ein Mitarbeiter klapperte einmal im Monat die Baustellen ab, um die Stundenzettel einzusammeln, die Stunden wurden im Büro eingetippt, um dann im Lohnbüro erneut eingetippt zu werden. „Da wurde so viel unproduktive Zeit verballert. Das war nicht nur verschenkte Arbeitszeit, sondern auch noch Stille Post, also entsprechend fehleranfällig.“

Kolja Neitzel mit seinem Quadrokopter

Kolja Neitzel mit seinem Quadrokopter im Einsatz auf der Baustelle

„Beim Einsatz von Maschinen waren wir Landschaftsgärtner doch immer sehr innovativ. Wer aber jetzt beim Thema Digitalisierung einfach die Arme verschränkt, ist schnell abgehängt.“

Passgenaue Eigenentwicklung

Um dem ein Ende zu bereiten, machte er sich in einer Weihnachtspause selbst an die Entwicklung einer Software-Lösung zur Stundenerfassung, unterstützt durch das eine oder andere YouTube-Video. Als Laien-Programmierer fiel ihm das nicht leicht, aber er fuchste sich rein – und als das Programm endlich die erste „1“ auslesen konnte, war die Freude riesig. Schließlich schaffte er es, eine gut funktionierende Anwendung zu erstellen. Seit einigen Jahren tragen die 45 Mitarbeiter ihre Stunden per Smartphone in eine Datenbank ein. Neue Daten wie eine zusätzliche Kostenstelle sind ebenfalls schnell eingefügt und fürs ganze Team sichtbar. Auch für die Nachkalkulation ergeben sich enorme Synergieeffekte.

In naher Zukunft werden die Stunden unmittelbar in die Branchensoftware einfließen, wo automatisch eine Datei generiert und ins Lohnbüro verschickt wird. Mittelfristig soll das sogar ganz ohne Zwischenschritt passieren.

Mehr als Zeiterfassung

Doch die Software dient nicht nur der Erfassung von Stunden. Der Unternehmer nutzt sie auch für die tagesaktuelle Einteilung der Mitarbeiter, so dass er sie dafür meist gar nicht mehr anrufen muss. Bei den Mitarbeitern kommt die transparente Darstellung der Arbeitsverteilung gut an, denn sie wissen gerne frühzeitig, wo sie wann eingesetzt werden. Auch für die Lehrlinge ist das Programm praktisch, denn sie können jederzeit nachschauen, was sie an welchem Tag gemacht haben, um es (möglicherweise etwas verspätet) ins Berichtsheft einzutragen.

Darüber hinaus lassen sich in der Software auch allgemeinere Informationen hinterlegen, die für alle Mitarbeiter bestimmt sind. Das sind zum Beispiel betriebliche Abläufe und Bestimmungen der Berufsgenossenschaft – Details, die im Einstellungsgespräch meist nur teilweise hängenbleiben – oder Termine wie die nächste Weihnachtsfeier.

„Ob sich unser Vorgehen für Privatgärten auch lohnen würde, weiß ich nicht … Aber wir haben einen ganz anderen Bezug zu Flächen.“

Tablet

GIS kombinieren Datenquellen wie Landkarten, Luftbilder und technische Pläne miteinander und machen daraus digitale Karten mit zahlreichen Standortinformationen.

Ein digitales Bautagebuch entsteht

Ebenfalls optimierungsbedürftig ist für Neitzel die herkömmliche Art, ein Bautagebuch zu führen. Auch in seinem Betrieb geschieht das zum Teil noch ganz klassisch über ein Formblatt mit drei Durchschlägen, das jeden Tag aufs Neue ausgefüllt werden muss. Der Unternehmer hat sich bereits verschiedene Software-Angebote angesehen, die auf dem Markt zu haben sind, empfindet sie aber als zu umständlich. Zuletzt ist er deshalb bei einer Microsoft Office-Lösung gelandet, die sich in ersten Tests mit einer Handvoll KollegInnen schon bewährt hat. „Das A und O ist, dass die Lösung nicht kompliziert ist, sonst nimmt man die Leute nicht mit“, ist seine Erfahrung.

Wissen weitergeben und Überzeugungsarbeit leisten

Große Widerstände hat Neitzel etwa bei der Einführung seiner Zeiterfassungslösung erlebt. Damals drohte ein älterer Mitarbeiter damit, zu kündigen, wenn er die Software einsetzen müsse. Zum Glück ließ er sich doch überzeugen und ist heute, inzwischen Rentner, froh darüber, „ins kalte Wasser gestoßen“ worden zu sein. Die damals erworbene Medienkompetenz nutzt er heute gerne dafür, via Internet mit den Enkeln zu kommunizieren oder etwas zu bestellen.

Die jüngeren Mitarbeiter sind in der Nutzung digitaler Medien natürlich geübter. Bei vielen trägt die Gewissheit, dass der Betrieb mit der Zeit geht, sogar dazu bei, dass sie sich hier gut aufgehoben fühlen.

Kolja Neitzel wundert sich über die häufigen Vorbehalte von Branchenkollegen gegenüber der Digitalisierung. „Beim Einsatz von Maschinen waren wir Landschaftsgärtner doch immer sehr innovativ. Wer aber jetzt beim Thema Digitalisierung einfach die Arme verschränkt, ist schnell abgehängt“, warnt er. Das ist für ihn ein wichtiger Grund, sich im Verband zu engagieren und Überzeugungsarbeit zu leisten.

Baustellenfoto

Baustellenfoto: „neitzel und sohn“ sind hauptsächlich für die Wohnungswirtschaft tätig.

„Man muss aktiv werden, sich einbringen, dann kriegt man ganz viel zurück.“

MitstreiterInnen gesucht!

Als Vorstandsmitglied im Verband Berlin-Brandenburg ist er offiziell für das Thema Digitalisierung zuständig, hält Vorträge, berichtet über seine Erfahrungen. „Ich möchte, dass die Branche da nach vorne kommt. Und ich freu mir ein Loch in die Mütze, wenn sich auch andere interessieren und wir ein unbürokratisches Format finden, um unser Wissen dazu auszutauschen. Wer Lust darauf hat, kann mir sehr gerne eine Mail schreiben oder mich anrufen!“

Den Wissensaustausch im Verband schätzt er generell sehr. „Man muss aktiv werden, sich einbringen, dann kriegt man ganz viel zurück“, findet er. So kann auch er bei Themen, in denen er sich nicht so zuhause fühlt, vom Know-how anderer Verbandsmitglieder profitieren.

Als weiteres „Back-up“ für Wissen und Erfahrungen bezeichnet er seinen Vater und Großvater, die immer noch im Betrieb mitwirken und die er jederzeit mit Fragen ansprechen kann. So wächst das Wissen bei „neitzel und sohn“ immer weiter – mittlerweile schon seit vier Generationen. Auch in den nächsten Jahren wird sich, gerade im digitalen Bereich, sicher noch viel tun. Man darf gespannt sein.

www.neitzelundsohn.de

Veröffentlicht 04.2021
2021-05-19T13:48:38+02:00
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