Klimawandel und Stadtgrün: Der richtige Baum am richtigen Ort

Das Thema Klimawandel ist längst in den Städten angekommen. Schon immer waren Lebensräume zwischen Straßen und Häuserschluchten herausfordernde Standorte für Pflanzen. Zudem haben sich die Extreme seit einigen Jahren noch verstärkt. Dr. Joachim Bauer vom Grünflächenamt in Köln berichtet von Erfahrungen und Projekten.

In Städten, deren Flächen stark versiegelt sind, fehlt etwas: Für ein angenehmes Lebensklima braucht es nicht nur Häuser und Straßen, sondern auch Grün dazwischen. Straßenbäume und Parkanlagen sorgen nicht nur für Abkühlung, bessere Luft und schaffen Raum für Erholung. Mehr noch: Die jüngsten Unwetterereignisse Mitte Juli 2021 und ihre Folgen zeigen, dass Grün auch existenziell wichtig als Versickerungsfläche bei (Stark-)Regen ist. Als Thema für die Grünverwaltungen steht ein positives Stadtklima im Vordergrund. Dr. Joachim Bauer arbeitet bereits seit 1992 in diesem Fachbereich. Im Laufe der Jahrzehnte mussten Städte bundesweit ihre Anbaustrategien für Baumpflanzungen überdenken.

Worüber reden wir, wenn wir vom Klimawandel in den Städten reden?

Dr. Joachim Bauer: „Die Aufgabenstellungen an die Verwaltungen sind regional verschieden. Die Städte stehen bedingt durch den Klimawandel vor zum Teil unterschiedlichen Herausforderungen: So werden in Hamburg andere Konzepte erarbeitet als in Köln, München, Berlin oder Dresden. In Hamburg finden wir ein maritim geprägtes Klima. Das ist ganz anders in München, wo noch eine hohe Zahl an Frosttagen zu verzeichnen ist. Dresden und Leipzig haben generell Schwierigkeiten mit zu geringen Niederschlägen. Stuttgart hat Probleme mit großer Hitze aufgrund seiner Lage im Talkessel.

Entscheidend ist, wie klimaanfällig die Strukturen einer Stadt sind. Bestehen diese hauptsächlich aus versiegelten Flächen oder sind ausreichend Grünflächen vorhanden? Wenn Städte nur über kleine Grünflächen in einer hochverdichteten Bebauung verfügen, haben diese kaum Einfluss auf das Stadtklima. Eine Stadt mit einem systematisch ausgebauten und vernetzten Grünsystem, mit Durchlüftungsbahnen, die radial ausgerichtet sind, steht ganz anders da. Hamburg ist dafür ein gutes Beispiel.

Viele dieser Strukturen kann man heute städtebaulich nur noch geringfügig steuern, weil eine 2000jährige Entwicklung dahintersteht – so wie in Köln. Zum Glück verfügt Köln über ein in den 1920er Jahren konzipiertes Grünsystem. Das ist ein deutlicher Vorteil, da dies die klimarelevanten Flächen sind.

Von Vorteil können auch große, freie, landwirtschaftliche Flächen oder ein zusammenhängender Wald in der Stadt sein. Hannover hat beispielsweise einen Stadtwald, die Eilenriede.“

Zur Person:

Dr. Joachim Bauer ist stellvertretender Amtsleiter des Amts für Landschaftspflege und Grünflächen der Stadt Köln, Geschäftsführer der Schutzgemeinschaft Deutscher Wald Köln e. V. und des Freundeskreises Haus des Waldes. Als Leiter des Arbeitskreises Stadtbäume der Deutschen Gartenamtsleiterkonferenz (GALK e. V.) arbeitet er seit vielen Jahren in einem ehrenamtlichen Team an der Straßenbaumliste. (Foto: Thilo Schmuelgen)

Dr. Joachim Bauer

Viele Menschen haben erst jetzt bemerkt, dass der Klimawandel auch in den Städten eine Rolle spielt. Ein sichtbares Beispiel ist die braune Rasenfläche im Sommer. Wie hat sich die öffentliche Wahrnehmung da verändert?

Dr. Joachim Bauer: „Die vergangenen drei Jahre haben Menschen realisieren lassen: Die Klimaveränderung findet auch vor meiner Haustür statt.

In diesem Zusammenhang wird auch viel über mehr Naturnähe diskutiert. So wird die Forderung aufgestellt, man solle nur noch heimische Baumarten verwenden. Der Klimawandel wird sich aber nicht langfristig über hunderte von Jahren vollziehen, sondern das Klima ändert sich wesentlich schneller. Insofern kann es in der Stadt nicht darum gehen, nur noch heimische Bäume zu pflanzen. Die Funktion von Stadtgrün geht weiter, als nur den Gen-Pool zu erhalten. Wir brauchen mehr Bäume in der Stadt, damit diese auch Schatten spenden und die Kühlung durch Verdunstung fördern.

Bäume

Bäume schaffen Aufenthaltsqualität in den Städten und erfüllen klimatische Funktionen. Dazu müssen sie auch an hoch versiegelten Standorten gut und gesund wachsen können. (Foto: Stadt Köln)

„Die Klimaveränderung findet auch vor meiner Haustür statt.“

Bisher gab es ausreichend Niederschlag auch im Sommer, Wetterextreme waren die Ausnahme. Baumarten wie die Fichte konnten in Deutschland in Monokulturen angepflanzt werden, weil das Klima ausgeglichen war. Doch dieses Konzept geht jetzt nicht mehr auf. Zum Glück bestehen die 6000 Hektar Wald in Köln aus Mischkulturen. Da fallen Schäden an einzelnen Baumarten nicht so sehr ins Gewicht. Und genauso muss ich auch beim Straßenbaumbestand arbeiten.“

„Die Funktion von Stadtgrün geht weiter, als nur den Gen-Pool zu erhalten.“

Straßenbäume

Neupflanzung Straßenbäume: Vielfalt ist Resilienz – das heißt: Der richtige Baum am richtigen Standort. (Foto: Stadt Köln)

1975 bekam der Arbeitskreis der Gartenamtsleiterkonferenz (GALK e. V.) den Auftrag herauszuarbeiten, welche Bäume man in den Städten anpflanzen kann. Immer schon war es in den Städten wärmer und trockener als in der freien Natur. Städte sind nicht erst heute extreme Standorte für Bäume. Doch die Probleme haben sich verändert …

Dr. Joachim Bauer: „Damals war der Versiegelungsgrad in den Städten schon recht hoch, es gab aber vor allem das Problem der Luftverschmutzung. Viele Bäume konnten unter diesen Bedingungen in der Stadt nicht wachsen.

Vor diesem Hintergrund hat die GALK eine Empfehlungsliste für Straßenbäume aufgestellt, die kontinuierlich fortgeschrieben wurde. Heute umfasst die GALK-Straßenbaumliste 175 Baumarten. Seit Mitte der 1990er Jahre läuft zusätzlich noch ein Straßenbaumtest, mit Untersuchungen in der gesamten Bundesrepublik.

Das Thema Luftverschmutzung ist in deutschen Städten zumeist rückläufig und daher heute weniger ein Problem. Dafür verstärken sich die Standortextreme: Trockenheit, Hitze und die hohe Versiegelung. Die Bäume der 1970er/80er „funktionieren“ heute vielfach nicht mehr.

So wurde damals die aus dem Mittelmeerraum stammende Platane sehr forciert. Sie galt als besonders „industriefest“ und trockenresistent, man konnte sie direkt neben einem Schlot pflanzen. Der überaus hohe Platanenanteil in Mannheim etwa stammt aus dieser Zeit.

„Das Thema Luftverschmutzung ist in deutschen Städten zumeist rückläufig und daher heute weniger ein Problem.“

„Wir brauchen mehr Bäume in der Stadt, damit diese auch Schatten spenden und die Kühlung durch Verdunstung fördern.“ Dr. Joachim Bauer, Köln. (Foto: Stadt Köln)

Um in der Straßenbaumliste aufgeführt zu werden, muss eine Baumart bestimmte Hauptkriterien erfüllen: So muss sie mindestens einen vier Meter hohen, geraden Stamm ausbilden können, so dass unter der Krone ein LKW hindurchfahren kann. Niedrigere Baumarten können auf einen Platz gepflanzt werden, nicht an die Straße. Der Straßenbaum muss vor allem aber an extremen und hoch versiegelten Standorten gut und gesund wachsen können. Nur so kann er seine klimatischen Funktionen erfüllen. Er soll weder Früchte abwerfen noch eine Gefahr für den Verkehr sein. Sind diese Voraussetzungen gegeben, so kommen für mich und meine Kolleginnen und Kollegen weitere Kriterien wie Bienenfreundlichkeit oder ökologische Wertigkeit hinzu. Auch darauf gehen wir in der Straßenbaumliste ein.“

Wie finden Städte heute neue, geeignete Baumarten?

Dr. Joachim Bauer: „Wir suchen sehr gezielt. Wir beobachten, welche Bäume in welchen Gebieten gut wachsen. In New York ist das etwa der Ginkgo, in asiatischen Städten zum Beispiel der Schnurbaum. Doch nicht alle Bäume können wir bei uns verwenden: Wir haben in Deutschland immer noch das Thema Frost als limitierenden Faktor.

Wir müssen auf neue, oftmals nichtheimische Bäume setzen. Naturschützer sagen vielleicht, das ginge gar nicht. Aber der Klimawandel fordert uns auf, offen zu sein für andere Baumarten. Denn wir werden nicht um die Suche nach neuen Arten herumkommen, wenn wir in unseren Städten Bäume erhalten wollen. Dabei pflanzen wir nicht nur neue, fremde Baumarten: Wenn in einer Straße Linden stehen, werden wir auch versuchen, wieder Linden zu wählen. Generell muss die Überschrift jedoch „Vielfalt“ heißen, wenn wir neue Bäume aussuchen und pflanzen. Je vielfältiger die Strukturen, desto widerstandsfähiger sind sie.

Noch einmal das Beispiel Mannheim: Heute haben wir bei Platanen das Problem mit dem Massaria-Pilz, der sich gerade in heißen, trockenen Sommern sehr verbreitet. Wenn ich dann viele Platanen habe, habe ich auch ein großes Problem. Das bedeutet, wenn ich neue, nicht heimische Baumarten anpflanze, öffne ich damit eventuell auch Krankheiten und Schädlingen die Tür, die ich vorher gar nicht gekannt habe. Wenn ich aber viele verschiedene Baumarten im Bestand habe, bin ich auf der sicheren Seite. Dann werden nicht alle Bäume befallen.“

Straßenbäume

Straßenbäume und Parkanlagen sorgen für Abkühlung, bessere Luft und schaffen Raum für Erholung. (Foto: Stadt Köln)

„Generell muss die Überschrift (…) „Vielfalt“ heißen, wenn wir neue Bäume aussuchen und pflanzen. Je vielfältiger die Strukturen, desto widerstandsfähiger sind sie.“

Dennoch ist es ja ein laufender Prozess. Sie wissen nicht, wie sich ausgewählte Pflanzen langfristig bewähren werden.

Dr. Joachim Bauer: „Wir orientieren uns bei vielen Themen immer wieder neu, sammeln aktuelle Erkenntnisse und reagieren dann. So haben wir nach den drei heißen Sommern feststellen müssen, dass auch in den Grün- und Parkanlagen, wo in der Regel ungestörte Bodenverhältnisse anzutreffen sind, verstärkt Baumarten ausfallen.

Köln hat insgesamt 2.800 Hektar Grünflächen. Kleinere Grünanlagen können Sie noch bewässern, aber in dieser Dimension ist das nicht mehr möglich. Auch in unseren Grünflächen werden demnach Bäume ausfallen. In historischen Grünanlagen müssen wir wieder die gleichen Baumarten anpflanzen, auch sollen in den Grünanlagen heimische Baumarten weiterhin den Vorrang haben. Doch wir kommen an Grenzen.

Oftmals sind die Schäden nach einem heißen Sommer nicht unmittelbar feststellbar. Der Baum stirbt nicht direkt ab, er wird aber geschwächt; er wird anfälliger gegenüber Parasiten und Schädlingen. In der Folge stirbt er an diesem Sekundärbefall, nicht so sehr an der Trockenheit selbst. Ein Beispiel dafür ist die Buchenkomplexkrankheit.

Einen Bestand von 80.000 Straßenbäumen wie in Köln können Sie ebenfalls nicht wässern. Das macht auch gar keinen Sinn: Die Wurzeln großer Bäume haben sich längst weit ausgebreitet, der Baum hat sie in die Tiefe und weit unter das Pflaster ausgebildet. Wenn Sie direkt am Baum gießen, erreicht das Wasser gar nicht die Wurzeln.“

Es ist schwierig, bei bestehenden Grünflächen etwas zu ändern. Wie gehen Sie bei Neuanlagen vor?

Dr. Joachim Bauer: „Bei neuen Parkanlagen, die zum Beispiel bei Siedlungserweiterungen entstehen, setzen wir auf das Prinzip Schwammstadt: Das Oberflächenwasser wird nicht in die Kanalisation, sondern in die Grünanlagen oder an den Baum geleitet. Richtungsweisend ist zum Beispiel das sogenannte “Stockholmer Modell”: Hier wird das Niederschlagswasser vom Gehweg zum Baum geleitet. Im Untergrund werden Schichten eingebaut, in denen sich das Wasser sammeln kann.

Dieses Modell ist bei uns aber so nicht umsetzbar, denn unsere bautechnischen Vorgaben sind andere. Aus diesem Grunde haben wir in Köln ein kleines Forschungsprojekt mit einer Million Euro hinterlegt. Wir wollen aufzeigen, wie Wasser auch bei Starkregen zum Baum geleitet werden kann. Allein die Zuleitung über das Gehweggefälle Richtung Baumscheibe reicht da nicht aus. Das Wasser muss in eine Tiefe von durchschnittlich zwei Metern geführt werden. Ziel ist es, dies ohne allzu großen Aufwand zu schaffen. In diesem Jahr starten wir die ersten internen Workshops mit Fachleuten. Auf dieser Grundlage wollen wir 100 Baumstandorte in Köln anlegen.“

„Die GaLaBau-Betriebe sind bei all diesen Themen dabei, ohne sie geht es nicht.“

Baumriesen mit Geschichte und schöne Schattenplätze: Baumallee auf der Insel Grafenwerth

Baumriesen mit Geschichte und schöne Schattenplätze: Baumallee auf der Insel Grafenwerth, Bad Honnef (Foto und Titelfoto: Katrin Block/BGL)

Wie können sich GaLaBau-Betriebe in diesen Prozess einbringen?

Dr. Joachim Bauer: „Die GaLaBau-Betriebe sind bei all diesen Themen dabei, ohne sie geht es nicht. Auch wenn wir neue Techniken für Baumpflanzungen erarbeiten, sind sie als Pflanz- und Pflege-Fachbetriebe gefordert. Denn die Aufgaben werden immer komplexer. Die Ausgestaltung der Grünflächen ist heute eine andere als früher, da gab es nur Wege, Rasen und Baum. Heute werden Maßnahmen zum Regenwassermanagement oder auch ein anspruchsvoller Parcours für Jugendliche integriert und gebaut.

Jedes Neubauprojekt ist heute eine komplexe Aufgabe, die enormes Fachwissen und Know-how voraussetzt. Es gilt nicht nur, funktionsgerechte Spielplätze anzulegen: Bäume müssen fachgerechte Bindungen aufweisen, Bewässerungseinrichtungen müssen gebaut werden, und die Baumgruben werden mit ganz anderen Substraten als früher ausgeführt. Zum Teil hat auch das etwas mit Klimawandel und Anpassung zu tun.

Der GaLaBau-Betrieb muss die vielfältigen Anforderungen fachgerecht umsetzen können. Häufig haben wir als Auftraggeber jedoch die Schwierigkeit, überhaupt Fachbetriebe zu finden, weil die Kapazität nicht da ist. Das gilt besonders für den Schwerpunkt Baumpflege, aber auch bei den anderen Aufgaben des Stadtgrüns. Überall sind die Auftragsbücher voll – aber die Betriebe finden nicht die nötigen Fachkräfte.“

Stadtbäume unter „Stress“: Junge Straßenbäume am Cube Berlin, einem würfelförmigen Bürogebäude vor dem Berliner Hauptbahnhof

Stadtbäume unter „Stress“: Junge Straßenbäume am Cube Berlin, einem würfelförmigen Bürogebäude vor dem Berliner Hauptbahnhof im Hochsommer. (Foto: Katrin Block/BGL)

Stadtbäume vor Kanzleramt Berlin

Inmitten stark verdichteter Bebauung und versiegelter Flächen – Straßenbäume im Berliner Regierungsviertel (Foto: Katrin Block/BGL)

Zukunftsbäume

Die Liste der sogenannten Zukunftsbäume enthält Baumarten, die voraussichtlich auch künftig erfolgreich an städtischen Straßen gepflanzt werden können. Die enthaltenen Arten ertragen eher die extremen Standortbedingungen in den stark verdichteten Städten und kommen tendenziell leichter mit den Folgen der Klimaerwärmung zurecht. Dabei geht es auch darum, eine größere Vielfalt an möglichen Bäumen bekannt zu machen. Zusammengestellt wurde die Liste vom Arbeitskreis Stadtbäume der Gartenamtsleiterkonferenz (GALK) und dem Bund deutscher Baumschulen e. V. (BdB). Sie beruht auf Erfahrungen und Testreihen, die seit Mitte der 1990er-Jahre gemacht wurden

Die Broschüre kann auch online heruntergeladen werden: www.galk.de

Viele Städte organisieren öffentliche Aktionen zur Baumpflege

In vielen deutschen Städte und Kommunen laufen sie schon erfolgreich: Baumpflege-Aktionen, bei denen BürgerInnen als „Baumkeeper und -patInnen“ eingebunden werden. Dort pflegen und wässern sie einzelne Bäume in ihrer Nachbarschaft, nicht nur während extremer Hitzeperioden im Sommer. Oft stellt die Stadt dazu die nötige „blaue“ Infrastruktur, zum Beispiel in Form von Bewässerungssäcken oder Wassertanks in direkter Nähe.

Aktuelle Beispiele und Anregungen geben diese städtischen Aktionen:

2021-08-12T16:21:40+02:00
Nach oben