Klimaresiliente Städte:
Wasser als Gestaltungselement nutzen

Wie kann Wasser als Gestaltungselement dabei helfen, Städte klimaresilient zu machen? Der Klimawandel führt einerseits zu vermehrten Starkregenereignissen. Zum anderen gibt es mehr extreme Hitzeperioden ohne Niederschläge, dafür mit Trockenheit und Dürre im urbanen Raum. Seit vielen Jahren arbeitet und forscht Katrin Korth zum Thema Planen und Bauen mit Wasser. Im Interview erläutert sie, wie ein veränderter Umgang mit Wasser eine klimaresiliente Stadtentwicklung unterstützen kann.

Blaue Wasserinfrastruktur leistet einen wertvollen Beitrag dazu, Städte an die Folgen des Klimawandels anzupassen. Welche Gewässerformen spielen hierbei eine Rolle?

Katrin Korth: In Städten haben wir es einerseits mit Wasserarchitektur zu tun, die von Planerinnen und Planern gestaltet wurde. Dazu gehören Wasserspiele, Brunnen, Wasseranlagen, Wasser-Spielplätze.

Auf der anderen Seite verfügt fast jede Stadt über natürliche Gewässer wie Bäche, Flüsse, Teiche oder Seen. Interessant im Hinblick auf Klimaresilienz sind vor allem die unversiegelten Bäche. Oft wurden diese Fließgewässer bis in die 1970er Jahre versiegelt, transportierten teilweise Abwasser und verbreiteten störende Gerüche. Deshalb wurden sie in Kanäle geleitet. Hier sehe ich im urbanen Umfeld das größte Potenzial.

Natürliches Fließwasser bringt immer eine gewisse Kaltluft mit sich, die man bei Renaturierungen wieder nutzbar machen kann. Gerade war ich anlässlich der Planung einer Gartenschau bei einem Bürgermeister in einer baden-württembergischen Stadt. Dort sollen auch bessere Zugänge zum innerstädtischen Fluss geschaffen und die Uferbereiche neu bepflanzt werden. So entstehen für das Stadtklima wichtige Kaltluft-Zonen, denn bepflanzte Ufer bewirken Verdunstungseffekte.

„Natürliches Fließwasser bringt immer eine gewisse Kälte mit sich, die man durch Renaturierungen wieder nutzbar machen kann. (…) Interessant im Hinblick auf Klimaresilienz sind vor allem die unversiegelten Bäche.“

Tübingen Ammerzonas

Tübingen: Ammerzonas (Foto: Anne Faden)

Wird wichtiger: Wasser als Gestaltungselement in der Stadt

Inwieweit können architektonisch gestaltete Wasserflächen wie etwa Springbrunnen Kühlungseffekte haben und damit das Stadtklima an heißen Tagen positiv beeinflussen?

Katrin Korth: Fontänen, Wassernebel-Anlagen oder Wasserfälle bewegen Wasser stark und verbreiten so Aerosole, die auf die Umgebung abkühlend wirken. Diese Gestaltungselemente kennen wir aus der Architekturgeschichte, schon im alten Rom gab es Brunnen und Wasserspiele.

Ein anderes Beispiel sind die im frühen 19. Jahrhundert in Karlsruhe vor der südlich ausgerichteten Schlossfassade errichteten, großen Springbrunnen, in denen das Wasser über Schalen geleitet wird. Viele Städte haben solche historischen Brunnen, die nicht allein der Zierde dienten. In Italien installierte man sie gezielt zur Abkühlung. Aus demselben Grund flutete man dort nachts regelmäßig die Straßen.

In Deutschland war das aufgrund der anders gearteten klimatischen Situation lange kein Thema. Das hat sich inzwischen geändert. Wasser spielt heute in all meinen Projekten eine Rolle, nicht wie früher als schmückendes Element, sondern wegen des Abkühlungseffektes. Mal geht es um eine kleine Pumpe auf dem Spielplatz, dann wieder um Wasserspiele auf einem zentralen Platz.

Versickerungsmulden auf dem Zollhallenplatz in Freiburg

Versickerungsmulden auf dem Zollhallenplatz in Freiburg: ein Beispiel für klimaresiliente Planung (Foto: Dr. Katrin Korth).

„Wir versiegeln noch immer zu viele Flächen – sowohl im öffentlichen als auch privaten Bereich. Das scheint praktisch, auch wegen niedriger Unterhaltungskosten; aber die hohe Versiegelung führt zur Aufheizung in der Stadt.“

Nachhaltiger Umgang mit knapper Ressource

Der Klimawandel hat bereits zu vielen heißen und trockenen Sommern in Deutschland geführt. Wie können die Verantwortlichen in Stadtquartieren effizient und nachhaltig mit der knapper werdenden Ressource Wasser umgehen?

Katrin Korth: Tatsächlich ist das der schwierigste Punkt beim Umgang mit gestalteten Wasserspielen. Grundsätzlich können sie mit Grundwasser, eventuell vorhandenem Quellwasser oder Regenwasser gespeist werden. Wenn Kinder Zugang zum Wasser haben sollen, sind die Anforderungen an die Wasserqualität so hoch, dass nur Trinkwasser zum Einsatz kommen darf. Das muss in einem Kreislauf gehalten und immer wieder gereinigt und aufbereitet werden. Natürlich ist das pflegeintensiv und verbraucht Ressourcen.

Andererseits ist in großen Städten der Aspekt der Kühlung mittlerweile so bedeutsam, dass wir nicht vorschnell von Wasserverschwendung sprechen sollten. Zudem existieren mittlerweile ressourcenschonende Techniken zur Wasseraufbereitung. Wenn die zu planende Anlage keine Nutzung durch Kinder vorsieht, dann kann aufgefangenes Regenwasser wiederverwendet werden. Dabei nimmt man dann in Kauf, dass das Wasser vielleicht auch mal eine leichte Grünfärbung aufweist.

„Uns ist das Gefühl für Wasser und dessen sinnvolle Verwendung verloren gegangen.“

Wasserspiele im Bürgerpark Reutlingen

Wasserspiele im Bürgerpark Reutlingen (Foto: Horst Haas)

Sie arbeiten viel mit Kommunen zusammen. Was könnten diese tun, um Städte besser auf den Klimawandel vorzubereiten – sowohl im Hinblick auf Starkregenereignisse als auch auf Trockenheit, Wassermangel und Überhitzung?

Katrin Korth: Wir versiegeln noch immer zu viele Flächen – sowohl im öffentlichen als auch privaten Bereich. Das scheint praktisch, auch wegen niedriger Unterhaltungskosten; aber die hohe Versiegelung führt zur Aufheizung in der Stadt.

Dringend: kreativer mit Regenwasser umgehen!

Wir brauchen auch viel mehr Bäume, die für kühlenden Schatten sorgen. Über ihre Blätter kann Wasser, das sie aus dem Boden ziehen, verdunsten. Das wiederum sorgt für Abkühlung der Umgebungstemperaturen. Und schließlich sollten wir viel kreativer mit Regenwasser umgehen. Anstatt es sofort an die Kanalisation abzuführen, könnten wir es auf einer Platzfläche oder in einer kleinen Mulde versickern lassen. Die kann auch schön gestaltet und bepflanzt sein. Im Idealfall verwerten wir das Regenwasser für die Bewässerung von Pflanzen, jungen Bäumen oder für Wasserspiele. Es kann auch oberirdisch in Rinnen ablaufen.

Im Grunde müssen wir uns bei jedem Projekt fragen, inwieweit wir dabei stadtklimatisch etwas verbessern können. Uns ist das Gefühl für Wasser und dessen sinnvolle Verwendung verloren gegangen. Denn mit der Industrialisierung ist unser gesamtes Wasserversorgungssystem von den früher öffentlich sichtbaren und von der Gemeinschaft gepflegten Brunnen in eine zentrale Wasserversorgung umgewandelt worden. Man kann jederzeit den Wasserhahn aufdrehen und erhält sauberes Trinkwasser, das auch unsichtbar wieder abfließt. Es geht daher auch immer darum, unseren Umgang mit Wasser wieder stärker zu reflektieren.

Ufer Reutlingen, grüne Stufen

Reutlingen, Frühlingserwachen zwischen Stadthalle und Echaz (Foto: Horst Haas)

„Im Grunde müssen wir uns bei jedem Projekt fragen, inwieweit wir dabei stadtklimatisch etwas verbessern können.“

Best Practice für öffentliche Projekte mit Wasser

Welche Projekte haben Sie bislang im öffentlichen Bereich umgesetzt, bei denen Wasser und Pflanzen so kombiniert wurden, dass sie sich positiv auf das Stadtklima und Wohlbefinden der Menschen auswirken?

Katrin Korth: In Kehl beispielsweise haben wir die Ufer eines Altrheinarms im Zuge der Umgestaltung der Althreinpromenade neu bepflanzt – mit Weiden, Schneeball, Gräsern und blühenden Staudenfeldern. Dabei ging es um Pflegevereinfachung, aber auch um die Aufwertung des Wassererlebens in dieser besonderen Parkanlage. Wir haben neue Zugänge zum Wasser geschaffen, die zum Verweilen einladen. Zusätzlich haben wir zwei Schwimmfontänen realisiert, die sich den wechselnden Wasserständen anpassen. Wir wollten dabei Wasser nicht nur spürbar werden lassen, sondern auch sichtbar damit spielen. Das erzeugt bei den meisten Menschen unmittelbar einen Wohlfühleffekt.

Aktuell plane ich ein Projekt in Tübingen, bei dem es um die Umgestaltung eines innerstädtischen Sees geht. Diese verfolgt mehrere Ziele: von der Verbesserung der Wasserqualität und des Mikroklimas über Rückzugsräume für Tiere bis hin zum Wassererleben für die Parkbesucherinnen und -besucher. Geplant sind auch hier wieder neue Zugänge zum Wasser wie Terrassen und Holzstege durchs Schilf.

„Gewerbetreibende sollten ihr Außengelände auch als Schaufenster sehen, bei dem sie ihrer Kundschaft zeigen können, dass sie einen wertvollen Beitrag zum Klimaschutz und zur Förderung der Biodiversität leisten.“

Ufergestaltung am Altrhein in Kehl

Ufergestaltung am Altrhein in Kehl (Foto: Dr. Katrin Korth)

Inwieweit können GaLaBau-Betriebe das Wissen im Umgang mit Wasserarchitektur und Uferpflanzungen nutzen, um zu mehr Klimaresilienz im urbanen Umfeld beizutragen?

Katrin Korth: Bei eigenständig umgesetzten Projekten, vor allem im privaten Sektor, haben Landschaftsgärtnerinnen und -gärtner eine wichtige Beratungsfunktion. Aus meiner Erfahrung ist in den GaLaBau-Betrieben bereits viel Wissen zu diesem Thema vorhanden. Es könnte aber noch stärker ausgespielt werden, etwa wenn es um Versiegelungen von Außenflächen geht.

Überzeugungsarbeit gegenüber Bauherren nötig

Bei Wohngebäuden ebenso wie bei Gewerbeanlagen könnten etwa Autostellplätze mit Rasengittersteinen vorgesehen werden. Regenwasser könnte in Wildblumenflächen versickern. Mitunter braucht es hier gegenüber Bauherrinnen und -herren noch Überzeugungskraft: Wenn Parkflächen oder Sickermulden gemäht werden müssen, stellt das bei der Pflege einen leichten Mehraufwand dar. Aber bereits kleine Schritte wie diese verbessern das Mikroklima. An heißen Tagen sorgen sie für mehr Abkühlung, zugleich fördern sie die Biodiversität.

In meinen Beratungsgesprächen stoße ich mit solchen Argumenten zunehmend auf offene Ohren. Gewerbetreibende sollten ihr Außengelände auch als Schaufenster sehen, bei dem sie ihrer Kundschaft zeigen können, dass sie einen wertvollen Beitrag zum Klimaschutz und zur Förderung der Biodiversität leisten.

Place de la Bourse, Wasserspiegel Bordeaux

Wasserspiegel Bordeaux: Der 2006 von dem Landschaftsarchitekten Michel Corajoud errichtete Wasserspiegel gilt als größter „Spiegelsee” der Welt. Außergewöhnliche Effekte entstehen durch den Wechsel von Wassernebel und Reflektion der umliegenden historischen Fassaden. (Foto: Dr. Katrin Korth)

„In Beratungsgesprächen mit Kommunen zeige ich gerne Bilder des berühmten Miroir d’eau, des Wasserspiegels auf der Place de la Bourse in Bordeaux. Viele fragen sich dann sofort, warum sie ein solches Wasserkunstwerk noch nicht haben.“

Welche Leuchtturmprojekte stehen aus Ihrer Sicht für eine besonders gelungene, moderne städtische Wasserarchitektur?

Katrin Korth: Bei der Bundesgartenschau in Erfurt hat mich die Umgestaltung der Gera besonders beeindruckt. Auch hier wurden gezielt Wasserzugänge geschaffen: mit begrünten Stufen, mit Stränden. Das bleibt den Stadtbewohnerinnen und -bewohnern dauerhaft erhalten.

Städtische „Coolspots“ kombinieren Wasser mit Pflanzen

Spannende Forschungsprojekte laufen in Wien, das vom Klimawandel sehr stark betroffen ist und noch sein wird. Dort haben sie bereits heute ein größeres Hitzeproblem als deutsche Städte. Die Stadtverantwortlichen experimentieren mit sogenannten Coolspots, ästhetisch gestalteten Bauobjekten in Parks, bei denen Schling- und Kletterpflanzen, Bäume, Sprühnebel und Wasserfontänen kombiniert werden. Dadurch lassen sich nachweislich Umgebungstemperaturen um bis zu sechs Grad absenken.

In Beratungsgesprächen mit Kommunen zeige ich gerne Bilder des berühmten Miroir d’eau, des Wasserspiegels auf der Place de la Bourse in Bordeaux. Viele fragen sich dann sofort, warum sie ein solches Wasserkunstwerk noch nicht haben. Allerdings ist der Umgang mit Wasser in Frankreich viel opulenter, er wird weniger kritisch gesehen, weil es dort eine andere Wassertradition gibt.

Pop up Wasserspiel in Kehl

Pop-up-Wasserspiel in Kehl (2 Fotos: Dr. Katrin Korth)

Pop up Wasserspiel in Kehl

In Kehl haben Sie eine Art Popup-Wasserpark angelegt. Es geht also auch mit einfachen, kreativen Mitteln?  

Katrin Korth: Zu der Idee inspiriert hat mich Wien. Dort wird auch viel mit temporären Wasserspielen experimentiert. Dieser Trend kommt jetzt auch zu uns. Dazu haben wir erstmals in diesem Sommer Bewässerungsschläuche auf dem Marktplatz in Kehl verlegt. Während einiger Wochen bei Temperaturen über 25 Grad haben wir dann Wasserspiele veranstaltet, mit Wasser aus dem Hydranten. Der Erfolg übertraf unsere Erwartungen: Denn der Marktplatz verwandelte sich in einen großen Wasserspielplatz und zog die Menschen an. Nach all den Corona-Einschränkungen war es für alle schön, zu sehen, wie der Platz wiederbelebt wurde. Es war ein tolles Miteinander zwischen der Stadtverwaltung, der anliegenden Gastronomie und den Passantinnen und Passanten.

Mehr Mut im Umgang mit Wasser – es lohnt sich!

Wir sind aktuell noch in der Auswertung. Ich kann aber bereits sagen, dass es sich lohnt, mutig mit Wasser umzugehen und in Diskussionen einzusteigen. Denn die wichtigste Aufgabe für Planungsbüros und alle Verantwortlichen im Städtebau ist es, Ressourceneffizienz und Klimaresilienz in der Stadtentwickelung aktiv voranzutreiben und unsere Städte Schritt für Schritt umzubauen.

Weitere Fotoquellen:
Portrait Dr. Katrin Korth (Foto/Portrait oben: Jessi Hermann)
Wasserfreude und Abkühlung in der Steinlach in Tübingen (Foto unten: Anne Faden) 

Zur Person

Dr. Katrin Korth arbeitet, forscht und lehrt an der Schnittstelle zwischen Freiraum- und Stadtplanung sowie Infrastrukturplanung. Ihre besonderen Schwerpunkte sind Wasser im urbanen Kontext und stadtklimaangepasste Planung. Die Diplom-Bauingenieurin war viele Jahre in Führungspositionen in Tiefbau- und Grünflächenämtern verschiedener Stadtverwaltungen in Baden-Württemberg tätig. Seit 2017 berät sie mit ihrem eigenen Büro „Korth StadtRaumStrategien“ sowohl Kommunen und Unternehmen, als auch Bürgerinitiativen und Parteien zur Gestaltung von Stadtumbauprozessen und leitet komplexe städtebauliche Entwicklungsprojekte.

2022-05-16T12:33:08+02:00
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