Renaturierungsökologie, Klimawandel
und die Rolle des GaLaBaus

Prof. Dr. Johannes Kollmann, Leiter des Lehrstuhls für Renaturierungsökologie an der Technischen Universität München (TUM), erforscht seit über 15 Jahren, wie gestörte Ökosysteme wieder funktionsfähig werden. Im Interview erklärt er, warum Landschaftsgärtner*innen zu den wichtigsten Akteur*innen dieser Transformation gehören.

Vom Beobachten zum Gestalten

Herr Professor Kollmann, wie sind Sie zur Renaturierungsökologie gekommen?

Prof. Dr. Johannes Kollmann: Ich bin Vegetationsökologe und habe mich lange mit Prozessen wie Verjüngung, Ausbreitung und Konkurrenz in Pflanzengesellschaften beschäftigt. Irgendwann war es mir zu negativ immer nur über Probleme zu reden, ohne Lösungen. Mich hat zunehmend interessiert, wie man Ökosysteme wiederherstellen kann. Dabei geht es nicht darum, etwas wie früher zu machen, sondern Systeme so zu gestalten, dass sie funktionieren: ökologisch, klimatisch und sozial.

Was unterscheidet Renaturierungsökologie vom klassischen Naturschutz?

Prof. Dr. Johannes Kollmann: Der Naturschutz ist bewahrend. Die Renaturierungsökologie dagegen verändert Systeme aktiv, um gewünschte Funktionen zu erreichen wie Blütenreichtum, Freizeitwert oder Deichsicherheit. Ich sage oft: Wir machen ein ‚Engineering‘ der Vegetation. Das bedeutet, wir gestalten Vegetation gezielt – durch Auswahl von Arten, Substraten und Pflege, damit sie ökologisch stabil und technisch belastbar ist. Das ist angewandte Ökologie mit wissenschaftlichem Fundament.

Vorgehen bei der Insektenerfassung

Im Projekt Bunte Bänder wurden entlang städtischer Hauptverkehrsachsen in München heimische Wildpflanzen eingesät, um Straßenrand-Flächen in Blühkorridore umzuwandeln — mit dem Ziel, sowohl die Biodiversität von Bestäubern zu fördern als auch urbane Grünräume im Klimawandel widerstandsfähiger zu gestalten. Alle Fotos: Simon Dietzel

„Wir machen im Grunde ‚Engineering‘ der Vegetation.“

Forschung, die in die Praxis führt

Wie sieht das in Ihrer Forschung konkret aus?

Prof. Dr. Johannes Kollmann: Wir forschen experimentell, im Labor, im Gewächshaus und im Gelände. Ein Beispiel sind unsere Deichversuche: Wir testen unterschiedliche Substrate, Saatmischungen, Düngung und Pflegevarianten über mehrere Jahre. Dabei arbeiten wir mit statistisch geplanten Designs, ähnlich wie in der Agrarwissenschaft. So erkennen wir, welche Kombinationen langfristig stabil sind.

Warum ist das Thema gerade heute so relevant?

Prof. Dr. Johannes Kollmann: Weil die klassischen Instrumente des Naturschutzes an ihre Grenzen stoßen. Früher dachte man, man müsse nur besonders schöne Gebiete schützen – aber das reicht nicht mehr. Unsere Landschaften sind hochgradig verändert. Wenn wir Kohlenstoff speichern, Wasser zurückhalten und Bestäuber fördern wollen, müssen wir daher gezielt eingreifen, mit wissenschaftlich fundierten Maßnahmen.

„Landschaftsgärtner*innen sind angewandte Ökolog*innen. Das sollte Teil ihrer Identität sein.“

Wasserburger Landstr.

Welche Lebensräume sind besonders renaturierungsbedürftig?

Prof. Dr. Johannes Kollmann: Ganz klar: Fließgewässer und Moore. Auen leisten alles gleichzeitig – Hochwasserschutz, Kühlung, Biodiversität, Kohlenstoffbindung und Erholung. Und Moore speichern enorme Mengen Kohlenstoff. Sie sind zum Teil auch artenreich und funktional essenziell für das Klima. Wer Effizienz sucht, fängt dort an.

GaLaBau als Partner der Transformation

Wie betrifft der Klimawandel den GaLaBau?

Prof. Dr. Johannes Kollmann: Unsere Systeme stehen unter massivem Stress: Hitze, Trockenheit und Starkregen. Für den GaLaBau heißt das, dass wir klimaresiliente Vegetation entwickeln müssen. Das gelingt mit mageren, strukturreichen Substraten und artenreichen Mischungen, die Extremen standhalten. Magerstandorte fördern Vielfalt und Stabilität – gerade in Städten, wo viele Böden ohnehin nährstoffarm sind.

Herausforderungen urbaner grüner Infrastruktur

Verkehrsbegleitgrün als multifunktionale urbane grüne Infrastruktur: Es trägt zur Förderung der Biodiversität bei, unterstützt die Klimaanpassung, verbessert das Mikroklima, bietet Lebensraum für Pflanzen und Bestäuber und trägt zugleich zum Regenwassermanagement in der Stadt bei. Die Abbildung wurde von Sandra Rojas-Botero unter Verwendung von Flaticon.com erstellt.

„Renaturierung ist kein Zurück, sondern ein Vorwärts in funktionierenden Systemen.“

Wo überschneiden sich Renaturierungsökologie und GaLaBau konkret?

Prof. Dr. Johannes Kollmann: Überall dort, wo Vegetation gestaltet wird, das heißt im Straßenbegleitgrün, in Parkrasen, Versickerungsmulden und auf Golfplätze. Der GaLaBau setzt praktisch um, was wir theoretisch erforschen, und wir lernen von seinen Erfahrungen.

Ein gutes Beispiel ist das Münchner Projekt „Bunte Bänder“, bei dem in enger Zusammenarbeit mit GaLaBau-Betrieben entlang großer Straßen rund 70 Flächen zu artenreichen Blühstreifen umgewandelt wurden. Die Umsetzung war erfolgreich, die Pflege dagegen schwierig, da manche Flächen zu oft gemäht wurden. Das zeigt: Langfristige Pflegekonzepte und faire Ausschreibungen sind entscheidend.

Was müsste sich bei Vergaben und Pflege ändern?

Prof. Dr. Johannes Kollmann: Viele Kommunen vergeben die Grünpflege an Lohnunternehmen, die oft nach Preis, nicht nach Qualität arbeiten. Das System belohnt Kosteneffizienz, nicht ökologische Wirksamkeit. Ich wünsche mir, dass Ausschreibungen künftig auch Funktionalität und ökologische Stabilität bewerten und nicht nur Quadratmeterpreise.

Bunte Bänder

Wie kann der GaLaBau enger mit der Forschung zusammenarbeiten?

Prof. Dr. Johannes Kollmann: Durch Kooperationen, Weiterbildung und Pilotprojekte. Wir arbeiten z. B. mit Betrieben zusammen, die regionales Saatgut produzieren und ökologisch denken. Solche Partnerschaften zeigen, dass Praxis und Wissenschaft gemeinsam Innovationen entwickeln können. Beide Seiten profitieren, wenn sie sich austauschen.

Ausbildung, Verantwortung und Zukunft

Was ist Ihrer Meinung nach verbesserungswürdig in der Ausbildung im GaLaBau?

Prof. Dr. Johannes Kollmann: Die Ausbildung ist eher technisch mit einem Fokus auf Maschinen, Bauverfahren, Bewässerung etc. – aber Landschaftsgärtner*innen arbeiten mit Ökosystemen. Sie sollten verstehen, wie Böden, Pflanzen und Mikroorganismen zusammenwirken, wie Vegetation Leistungen für Klima und Gesellschaft erbringt. Das gehört unbedingt in die Ausbildung, nicht nur in die Praxisjahre.

Was wünschen Sie sich von der Branche?

Prof. Dr. Johannes Kollmann: Mehr Selbstbewusstsein und Geduld, denn Renaturierung braucht Zeit und Ökosysteme müssen sich entwickeln können. Außerdem: GaLaBau-Betriebe sollten sich nicht nur als Techniker*innen, sondern als Berater der ökologischen Effekte sehen. So wie der Heizungsbau zunehmend wichtig für die Energieberatung ist, können Landschaftsgärtner*innen Expertise zur Klimaanpassung beisteuern. Sie leisten, wenn man so will, Geburtshilfe bei der Anpassung unserer Umwelt an den globalen Wandel.

Prof. Dr. Johannes Kollmann

Prof. Dr. Johannes Kollmann (*1963) ist Inhaber des Lehrstuhls für Renaturierungsökologie der Technischen Universität München (TUM) an der TUM School of Life Sciences in Freising.
Er studierte Biologie und Chemie an den Universitäten Kiel und Freiburg und promovierte an der Universität Freiburg in Vegetationsökologie. Anschließend folgten ein Postdoc-Aufenthalt an der Universität Cambridge sowie eine Tätigkeit als Hochschulassistent an der ETH Zürich. 2000 nahm Kollmann einen Ruf an die Universität Kopenhagen an, bevor er 2010 auf den Lehrstuhl für Renaturierungsökologie an der TUM wechselte.
Seine Forschung konzentriert sich auf die Renaturierung anthropogen gestörter Ökosysteme – etwa Auswahl geeigneten Pflanzenmaterials für Renaturierungen, Tier-Pflanze-Interaktionen, invasive Arten und das Langzeitmonitoring renaturierter Systeme. Zudem ist er in verschiedenen Forschungsverbünden zur urbanen grünen Infrastruktur aktiv und engagiert sich in zahlreichen wissenschaftlichen Vereinigungen und Fachzeitschriften. (Foto: Privat)

Der Lehrstuhl für Renaturierungsökologie der TUM

Autorin: Kim Lüftner

Carsten Peters2025-12-23T11:04:02+01:00
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