Bäume sind prägende Elemente unserer Städte und Außenanlagen. Gleichzeitig steigen die Anforderungen an ihre Pflege – fachlich, organisatorisch und rechtlich. Klimatische Veränderungen, zunehmender Dokumentationsaufwand und hohe Erwartungen an Verkehrssicherheit verändern die Praxis spürbar.
Im Gespräch erläutert Christian Draeger, Geschäftsführer eines Baumpflegebetriebs, Vorsitzender der Qualitätsgemeinschaft Baumpflege und Baumsanierung e. V. (QBB) und engagiert im Arbeitskreis Baum des BGL, welche Entwicklungen er beobachtet – und was das für GaLaBau-Betriebe bedeutet.
Altbäume leisten mehr, als oft wahrgenommen wird
Herr Draeger, was fasziniert Sie persönlich an Bäumen?
Christian Draeger: Mich fasziniert vor allem ihre Wirkung auf uns Menschen. Etwa psychologisch: Eine baumbestandene Fläche wirkt anders als eine ohne Bäume. Sie ist kühler, angenehmer und hat eine ganz andere Aufenthaltsqualität.
Mich beeindruckt auch ihre Ökoleistung, insbesondere die der Altbäume. Sie ist mitunter immens. Kühlung, Feinstaubbindung, Mikroklima: All das entsteht über Jahrzehnte. Deshalb ist es so wichtig, ältere Bäume fachgerecht zu erhalten und nicht nur auf Neupflanzungen zu setzen.
Baumpflege ist kein „Nebenbei“-Thema
Viele GaLaBau-Betriebe bieten Baumpflegeleistungen an. Wie sehen Sie das?
Christian Draeger: Es gibt einige Betriebe, die das erfolgreich tun. Gleichzeitig ist Baumpflege ein sehr spezialisiertes Tätigkeitsfeld mit eigenen Anforderungen. Wer Baumpflege anbietet, sollte sich dieser Spezialisierung bewusst sein, fachlich wie organisatorisch.
Eine fundierte Aus- oder Weiterbildung ist die Grundlage. Der European Tree Worker ist ein etablierter Standard. Allerdings braucht es dafür praktische Erfahrung, zusätzliche Qualifikationen – etwa in der Seilklettertechnik oder im Umgang mit Hubarbeitsbühnen.
Baumpflege ist körperlich anspruchsvoll und risikoreich. Deshalb muss Arbeitssicherheit an erster Stelle stehen. Auch arbeitsmedizinische Eignungsuntersuchungen für Höhenarbeiten gehören dazu. Deshalb sollte dieses Leistungsfeld im Betrieb klar strukturiert sein und aus fachlich versierten Mitarbeiter*innen bestehen.
Qualität beginnt bei der Aus- und Fortbildung
Welche Rolle spielt Qualitätssicherung in der Baumpflege?
Christian Draeger: Sie ist elementar und damit unverzichtbar. Qualität beginnt bei der Aus- und Weiterbildung und setzt sich in der praktischen Ausführung sowie in der Organisation fort. Besonders deutlich wird das bei der Übernahme der Verkehrssicherungspflicht an Baumbeständen. Hier greifen Baumkontrolle, Dokumentation, Pflege und Haftungsübernahme ineinander. Ohne eine konstante Qualitätssicherung ist dieses komplexe Gesamtsystem dauerhaft nicht zu realisieren.
Ein ganz praktisches Beispiel aus der Baumpflege ist der Baumschnitt: Hier ist es entscheidend, so schonend wie möglich zu arbeiten. Große Schnittflächen bedeuten Stress für den Baum und können Eintrittspforten für Schadorganismen sein. Deshalb ist der fachgerechte Erziehungs- und Aufbauschnitt in jungen Jahren von großer Bedeutung.
Foto: Kusche Baumdienst GmbH
Ausschreibungen: Klare Strukturen erleichtern die Praxis
Wo sehen Sie in der Praxis besondere Herausforderungen?
Christian Draeger: Ausschreibungen können echte Herausforderungen sein. Wenn Leistungspositionen sehr komplex gebündelt sind oder ausschließlich der niedrigste Preis - nicht aber die zu erwartende Qualität in der Ausführung - entscheidet, wird eine realistische Kalkulation erschwert.
Hilfreich sind klar definierte Parameter – zum Beispiel der Stammdurchmesser. Das ermöglicht uns eine bessere Einschätzung des Arbeitsaufwands.
Auch sehr große Lose können anspruchsvoll sein, weil sie hohe Kapazitäten erfordern. Für qualitativ hochwertige Baumpflege sind neben Technik vor allem Erfahrung und baumbiologisches Verständnis entscheidend - das müsste in der Ausschreibungspraxis berücksichtigt werden.
Klimastress verändert Pflegeintervalle
Welche Auswirkungen beobachten Sie durch klimatische Veränderungen?
Christian Draeger: Wir sehen zunehmenden Trockenstress und häufiger Sekundärbefall, beispielsweise durch Pilze. In manchen Beständen müssen wir inzwischen häufiger eingreifen, etwa bei der Totholzentfernung. Zudem haben die nicht vorhersehbaren und damit so gefährlichen Grünastbrüche im Sommer deutlich zugenommen.
Auch der Eichenprozessionsspinner zeigt, wie stark Witterungsverläufe Einfluss nehmen können. Milde Winter begünstigen seine Ausbreitung. Die Bekämpfung ist aufwendig und personalintensiv.
Diese Entwicklungen führen dazu, dass Pflegeintervalle teilweise angepasst werden müssen.
Jungbaumpflege als entscheidender Faktor
Wo sehen Sie den wichtigsten Ansatzpunkt für stabile Bestände?
Christian Draeger: In den ersten Jahren eines Baumlebens. Standortwahl, ausreichend durchwurzelbarer Raum, geeignetes Substrat und bedarfsgerechte Bewässerung sind grundlegende Faktoren.
Hinzu kommt der fachgerechte Erziehungs- und Aufbauschnitt. Je früher steuernd eingegriffen wird, desto geringer fallen spätere Eingriffe aus. Viele Probleme, die später kostenintensiv werden, entstehen in der Anfangsphase.
Digitalisierung ist aus der Baumkontrolle nicht mehr wegzudenken
Welche Relevanz hat die Digitalisierung im Betriebsalltag?
Christian Draeger: In der Baumkontrolle und Verwaltung größerer Bestände ist Digitalisierung heute Standard. Digitale Baumkataster erfassen Vitalität, Schäden, Standortbedingungen und Maßnahmenhistorien. So entsteht eine nachvollziehbare Dokumentation über Jahre hinweg. Tablet oder Smartphone gehören inzwischen zur Grundausstattung unserer Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter.
Beispielsweise unterstützen technische Verfahren wie etwa die Schalltomographie oder Bohrwiderstandsmessung die Beurteilung der Bruchsicherheit. Dennoch bleibt die fachliche Gesamtbewertung durch qualifizierte Personen entscheidend.
Im administrativen Bereich – etwa bei der Datenaufbereitung – gewinnt auch KI zunehmend an Bedeutung.
Weiterbildung bleibt ein zentrales Thema
Welche Entwicklungen sehen Sie im Arbeitskreis Baum des BGL?
Christian Draeger: Ein Schwerpunkt liegt auf der Weiterentwicklung von Qualifikationsstrukturen. Eine zusätzliche Qualifikationsstufe zwischen European Tree Worker und Fachagrarwirt, der sogenannte „Berufsspezialist Baumpflege“, soll als staatlicher Fortbildungsabschluss schon bald offiziell auf den Weg gebracht werden. Ziel ist es, praxisnahe Entwicklungsmöglichkeiten zu schaffen und Betrieben Orientierung bei der Personalentwicklung zu geben.
Wie sollten GaLaBau-Betriebe das Thema Baumpflege strategisch entwickeln?
Christian Draeger: Baumpflege ist ein anspruchsvolles Leistungsfeld mit langfristiger Perspektive. Wer Baumpflege anbietet, sollte sie bewusst entwickeln: mit qualifizierter Weiterbildung, klaren organisatorischen Strukturen und professioneller Dokumentation.
Fachlich fundiert und strategisch geplant bietet Baumpflege gute Entwicklungschancen – für Betriebe ebenso wie für den Baumbestand.
Verbandliches Engagement
Christian Draeger engagiert sich auf Verbandsebene für die Weiterentwicklung der Baumpflege. Im Arbeitskreis Baum des Bundesverbandes Garten-, Landschafts- und Sportplatzbau e. V. (BGL) wirkt er am fachlichen Austausch zu Themen wie Qualifikation, Regelwerken und Verkehrssicherung mit. Als Vorsitzender der Qualitätsgemeinschaft Baumpflege und Baumsanierung e. V. (QBB) setzt er sich zudem für verbindliche fachliche Standards und den Austausch spezialisierter Fachbetriebe ein.
Zum BGL: GaLaBau Bundesverband - GaLaBau
Zur QBB: Home | QBB
Alle Fotos (sofern nicht anders angegeben): BGL/Rottenkolber
Autorin: Kim Lüftner













