Auf Erfolgskurs mit Handicap
Martin GaLaBau in Oberfranken

Auf Erfolgskurs mit Handicap - von zwei auf fünfzehn Angestellte ist die Martin GaLa-Bau GmbH gewachsen. Doch noch 2015 stand es um den Betrieb in Prebitz (Landkreis Bayreuth) ganz anders: Geschäftsführer Martin Regner erlitt ein lebensgefährliches Schädel-Hirn-Trauma. Der Garten- und Landschaftsbau-Unternehmer hatte Glück im Unglück: Er gehört zu den 5 Prozent aller Betroffenen, die eine derartige Verletzung mit einer guten Perspektive überlebt haben.

Nach seinem Unfall lag Martin Regner vier Wochen lang im Koma. Ein ganzes Jahr dauerte es, bis er halbwegs wieder hergestellt war. Nicht nur für die Firma war das eine harte Zeit, auch für die Familie und besonders für seine Frau Michelle. Doch das Paar gab nicht auf und beschloss, die ungeplante Betriebspause zu beenden. Seitdem hat Michelle Regner als stellvertretende Geschäftsführerin die Leitung übernommen.

Teamplayer gesucht - und gefunden

Heute arbeitet Martin Regner nicht mehr aktiv im Betrieb mit. Früher sah das anders aus, erinnert sich seine Frau: „Als Inhaber eines Zwei-Mann-Unternehmens war er 24/7 beschäftigt. Vor halb elf kam er abends nicht aus dem Büro. So gut wie alles machte er allein.“ Weil das nicht mehr möglich war, suchte das Ehepaar Regner nach geeigneten Teamplayern zur Unterstützung – erfolgreich.

Michelle und Martin Regner mit Kindern
Familie Regner

Starke Familie: Martin GaLaBau. Die drei kleinen Kinder von Michelle und Martin Regner kennen die Mitarbeitenden und schauen gerne bei den Baggern vorbei. Vor Corona gab es häufig gemeinsame Unternehmungen. Auch die Eltern von Michelle Regner übernehmen Aufgaben; ihre Mutter ist Schwerbehindertenbeauftragte beim Roten Kreuz, ihr Bruder arbeitet inzwischen als gelernter KFZ-Mechaniker in der Firma mit. Der Zusammenhalt erleichtert Vieles.

Teamwork und Flexibilität erleichtern neue Aufgaben

Michelle Regner ist gelernte Industriekauffrau. Früher unterstützte sie ihren Mann neben ihrem eigentlichen Job bei einigen Büroarbeiten. Heute ist die Mutter von drei kleinen Kindern die erste Ansprechpartnerin bei Martin GaLa-Bau. Zuerst half ihr der mittlerweile verstorbene Vater ihres Mannes. Später kam mit Manuel Gössl ein erfahrener angestellter Meister in das Unternehmen. Zwei engagierte Vorarbeiter erweiterten das Team: So wuchs der Betrieb, trotz der schwierigen Ausgangslage.

Martin GaLa-Bau hat sich auf hochwertige Privatgärten spezialisiert. Meist sind es Neuanlagen, die Umgestaltung von Wegen und Terrassen, Einfriedungen oder Dachbegrünungen. Dabei richten sich Planungen und Material nach den Anforderungen – von Holz über Naturstein bis Metall. Das Unternehmen gestaltet auch große Industriebauten mit 10.000 qm Fläche sowie Supermarktparkplätze. Alle im Team haben ihre Lieblingsprojekte, einige stellen sie sogar auf der Website vor.

Diversität: „Bei uns ist es bunt gemischt"

Die Chefin schätzt sowohl die Diversität der Aufträge als auch die ihrer Mannschaft: „Bei uns ist es bunt gemischt: Wir haben Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter die gerne für zwei Wochen kleine Privatgärten gestalten. Andere sind lieber drei Monate auf einer Großbaustelle. Die einen pflastern lieber und sehen sich als Person fürs Grobe, die anderen haben einen grünen Daumen und legen die Bepflanzungen an.“ Beim Zusammenstellen der Teams achtet Michelle Regner auf eine gute Mischung von gegenseitiger Sympathie und Eignung für das jeweilige Projekt.

GaLaBau-Unternehmerin Michelle Regner – die „Frau für alles“

„In so einem kleinen familiären Betrieb bin ich eigentlich für alles zuständig. Gerade weil mein Mann aus gesundheitlichen Gründen geschäftlich nicht mehr tätig sein kann. Ich erledige hauptsächlich das Betriebswirtschaftliche. Ich kümmere mich ums Personal, erstelle die Angebote, mache die Kundentermine … Und wenn es dann um die technischen Fragen geht, also der Auftrag zustande kommt, dann bin ich zusammen mit einem der Vorarbeiter vor Ort.“

„Wir haben jeden Tag im Schnitt zehn Kundenanfragen“

Martin GaLa-Bau agiert in einem Radius von rund 100 Kilometern im Umkreis von Bayreuth. In Zeiten von Corona ging der Trend klar zu einem schönen Zuhause, sagt Regner. „Wir kommen kaum noch hinterher. Denn wir haben jeden Tag im Schnitt zehn Kundenanfragen; da könnten wir wahrscheinlich jede Woche fünfzig Angebote abgeben.“ Oft übernehmen die Regners die Unterhaltungs- und Fertigstellungspflege bei Privatleuten, die einen professionellen Garten- und Landschaftsbaubetrieb engagieren wollen. Öffentliche und gewerbliche Auftraggeber buchen eher einen Hausmeisterservice für 30 Euro in der Stunde, sagt die Chefin.

Der Trend geht zu bunteren, blumenreichen und bienenfreundlichen Gärten, beobachtet sie. Wichtige Themen sind auch automatische Bewässerung und umweltfreundliche Wasserauffanglösungen wie Zisternen.

Gute Berufschancen für Menschen mit Handicap

Die Umsetzung übernehmen unterschiedliche Teams. „Meinem Mann ist es wichtig, dass wir auch Leute mit Handicap einstellen. Denn er hatte ja selbst die Chance, nach seinem Unfall im Leben wieder Fuß zu fassen.“ Etwas mehr als die Hälfte der Angestellten hat Beeinträchtigungen, die man häufig nicht auf den ersten Blick sieht: „Einer war schon als Kind schwerhörig und hatte dadurch eine Entwicklungsverzögerung. Dann haben wir Beschäftigte mit Folgen von Bandscheibenvorfällen oder Krebs. Sie alle sind wertvoll für den Betrieb.“

Michelle und Martin Regner

Starkes Paar: Martin und Michelle Regner

Auf Erfolgskurs mit Handicap: „Meinem Mann ist es wichtig, dass wir auch Leute mit Handicap einstellen. Denn er hatte ja selbst die Chance, nach seinem Unfall im Leben wieder Fuß zu fassen.“ Etwas mehr als die Hälfte der Angestellten hat Beeinträchtigungen, die man häufig nicht auf den ersten Blick sieht.

Mehr Offenheit für Menschen mit Behinderungen

Für Menschen mit einer chronischen Erkrankung oder Schwerbehinderung ist es oft schwierig, einen geeigneten Arbeitsplatz zu finden, das wissen die Regners. Diese Menschen stoßen oft auf Skepsis und Ablehnung. In der Folge trauen sie sich selbst mit der Zeit weniger zu. Doch Michelle Regner ermutigt Jobsuchende mit Einschränkungen, dranzubleiben. Von Firmen wünscht sie sich mehr Offenheit: „Oft sind es Zufallstreffer wie bei einem unserer Büromitarbeiter. Ich war zuerst skeptisch, einen Mann im Büro einzustellen. Dann kam heraus, dass er der Nachbar eines Freundes ist. Früher hatte er ein Modehaus, das er aus gesundheitlichen Gründen abgeben musste. Dort hatte er 15 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, und er ist Betriebswirt. Einen Besseren hätte ich nicht finden können.“

Angenehmes Betriebsklima und gute Kontakte

Arbeitsplatzsuchende mit Handicaps sollen nicht den Kopf in den Sand stecken, findet Michelle Regner: „Ein beeindruckendes Anschreiben ist mir nicht wichtig. Ich finde es gut, wenn jemand spontan mit einem Lebenslauf vorbeikommt. Auch, wenn gerade keine Stelle ausgeschrieben war. Wir haben zum Beispiel schon einen Mitarbeiter im Baumarkt gefunden, weil wir da ins Gespräch gekommen sind.“

Diese Offenheit und das angenehme Betriebsklima sprechen sich herum. Gute Kontakte und Empfehlungen tun ein Übriges, sowohl bei Aufträgen als auch bei der Personalsuche. „Wir haben einen LKW-Fahrer gesucht, da habe ich FreundInnen und Familie abgeklappert. Wir haben jemanden gefunden, der hat extra für uns im öffentlichen Dienst gekündigt. Dem war ein gutes Team wichtiger als 200 Euro mehr im Monat.“

Arbeitsplatzsuchende mit Handicaps sollen nicht den Kopf in den Sand stecken, findet Michelle Regner.

Vertrauen in das eigene Können

Martin Regners Vater führte seinen Betrieb 43 Jahre lang und hatte bis zu 30 Mitarbeitende. Davon und von gezielter Online-Positionierung profitiert Martin GaLaBau bis heute: „Wir bekommen auch Empfehlungen, wenn Kundinnen und Kunden mit uns zufrieden sind. Das A und O ist für uns Google, wo man uns auf den ersten Blick findet. Dazu kommt eine ansprechende Website.“

Als sie sich nach dem Unfall ihres Mannes stärker als vorher im Unternehmen engagierte, unterstützte Michelle Regner zunächst ihren Schwiegervater am PC. Später ging sie mit ihm zusammen auf Baustellen und erstellte Angebote. „Er hat mir viel beigebracht, und ich bin oft ins kalte Wasser gesprungen. Auch mein Mann hat mir Tipps gegeben. Schließlich habe ich mir Fachwissen nach und nach angeeignet.“

„Das A und O ist für uns Google, wo man uns auf den ersten Blick findet. Dazu kommt eine ansprechende Website.“

Michelle und Martin Regner mit Team

Bei der Mitarbeitersuche schaut Michelle Regner gern über den Tellerrand: Einer der Mitarbeiter war ursprünglich Maler, einen anderen haben sie und ihr Mann im Baumarkt kennengelernt. Engagement und Charakter sind entscheidend.

Ihre Gelassenheit und strategisches Denken haben den Betrieb bisher auch durch schwierigere Fahrwasser gebracht. Mit ihren vorherigen Positionen in Industrie und Verwaltung brachte die junge Frau einiges an Erfahrung mit. Inzwischen stellt sie niemanden unter zwei Tagen Probearbeit ein. „Als wir in einem halben Jahr von fünf auf zwölf Personen gewachsen sind, gab es zu viel Wind in dem bestehenden Team. Nachdem wieder Ruhe eingekehrt war, habe ich mir zusammen mit dem Vorarbeiter Bewerbungen angeguckt und gezielter ausgesucht. Das hat sich als besser herausgestellt.“

Fortbildung und Vernetzung schaffen Sicherheit

Mittlerweile ist Michelle Regner komplett im GaLaBau angekommen. Nur bei komplizierten Arbeiten oder sehr besonderen Pflanzkonzepten braucht sie fachliche Unterstützung: „Ich kann beraten, wenn es um die Erdarbeiten geht, wenn es um die Dauer und den Materialverbrauch geht. Zudem kann ich beraten, welches Material geeignet ist. In der Frage was der Geldbeutel hergibt, bin ich betriebswirtschaftlich gut aufgestellt. Wenn etwas Ungewohntes kommt, wie neulich eine Tiefgaragenabfahrt, greife ich auf die Vorarbeiter zurück.“

Betriebswirtschaft für die grüne Branche

Inzwischen besuchte Michelle Regner an der Akademie für Landschaftsbau Weihenstephan in Freising einen Lehrgang für Betriebswirtschaft, der auf die grüne Branche zugeschnitten ist. „Wir sind 15 Leute im Kurs und 15 unterschiedliche Betriebe, alle wie wir junge Unternehmerinnen und Unternehmer. Darunter sind Betriebe, die es seit 30 Jahren gibt, mit 80 Mitarbeitenden. Einige haben viele öffentliche Aufträge, andere vorwiegend private. Manche realisieren Luxusgärten oder Strukturteiche – es ist wirklich von allem etwas dabei. Da konnte ich schon viel mitnehmen.“

Der Austausch mit anderen Betrieben ermöglicht Investitionen, wie die gemeinsame Anschaffung eines mobilen Betonwerks. „Momentan wird da gespart, wo es geht. So wird der Weg für die Gartenbaubetriebe zum nächsten Betonwerk immer weiter oder die Schlange dort immer länger. Da war diese Möglichkeit für viele sehr interessant.“ 

Wissen zu Inklusion und Fördermöglichkeiten

Auch ihr Wissen über Inklusion und Zuschüsse teilt Michelle Regner gern mit anderen: „Ich bin Verbandsmitglied, ich muss einen gewissen Lohn zahlen. Wie man einen Zuschuss erhalten kann, wenn man Menschen mit einer Behinderung einstellt? Das weiß ich.“ In diesem Zusammenhang kann es auch einen Zuschuss für Maschinen und Ausrüstung geben. So war es, als ein Mitarbeiter den Wunsch nach einer Kettenschubkarre äußerte. „Bei uns nennt man das ‚Dumper‘. Damals wurde dann ein großer Teil der Anschaffungskosten gefördert. Bis heute freut sich der Kollege jeden Tag wie ein Schneekönig und kommt natürlich umso lieber zur Arbeit.“

Vielfalt ist Vorteil

Das Team bei Martin GaLaBau unterstützt diese Haltung und profitiert von der Vielfalt im Betrieb. Michelle Regner erzählt von dem 60-jährigen Vorarbeiter, der „körperlich nicht mehr so kann, aber hervorragendes Fachwissen hat und problemlos ein Team von zehn Leuten anleitet.“ Ein anderer ist kognitiv eingeschränkt, schafft jedoch körperlich weit mehr als andere. „Es ist beeindruckend, wie alle miteinander arbeiten können.“

Bagger

Manche Betriebe lehnen Menschen ab, wenn sie Krebs hatten. Denn sie fürchten, der Krebs käme wieder oder die Bewerberinnen und Bewerber seien nicht ausreichend fit. Regners dagegen stellen geeignete Menschen mit Einschränkungen gern ein und geben ihnen so eine Chance.

„Eine Schwerbehinderung ist nichts Schlechtes. Ein Mensch muss mit seiner Krankheit oder Behinderung leben, wieso soll er sich denn Vorteile dadurch nicht sichern?“

Auch Menschen mit körperlichen oder geistigen Defiziten möchte Michelle Regner ermutigen: „Gerade habe ich mit einer Bekannten geredet, die keinen Grad der Behinderung (GdB) eintragen lassen wollte. Dabei hätte sie dadurch einen Steuervorteil. Eine Schwerbehinderung ist nichts Schlechtes. Ein Mensch muss mit seiner Krankheit oder Behinderung leben, wieso soll er sich denn Vorteile dadurch nicht sichern? Zum Beispiel 5 Tage mehr Urlaubsanspruch.“

Blick von oben auf aktuelles GaLaBau-Projekt von Martin GaLaBau.

Inklusive Vorteile: Zulagen, Lohnkostenzuschüsse, Beratungsleistungen

Auch für die arbeitgebende Seite kann es deutliche Vorteile haben, Menschen mit einer Behinderung einzustellen. Michelle Regner erzählt von Zulagen zu Investitionskosten, von Lohnkostenzuschüssen und Beratungsleistungen. Sie empfiehlt, auch für langjährige Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter mit Berufskrankheiten nach Hilfe zu fragen: „Wenn jemand mit 55 Jahren einen kaputten Rücken hat, kann man für ihn einen Schwerbehindertenantrag erstellen und Unterstützung beantragen.“ Ganz ohne Beratung sollte man diese Anträge jedoch nicht ausfüllen. „Wenn du da blindlings etwas reinschreibst, hast du eigentlich schon verloren.“

„Ich fände es gut, wenn viel mehr Branchen, Kolleginnen und Kollegen schwerbehinderten Menschen eine Chance geben würden. Wer körperlich eingeschränkt ist, ist oft geistig top oder trotz seines Handicaps super als Bauleiter.“ (Michelle Regner)

Martin Regner

Martin Regner erlitt 2015 ein lebensgefährliches Schädel-Hirn-Trauma. Der Garten- und Landschaftsbau-Unternehmer hatte Glück im Unglück: Er gehört zu den 5 Prozent aller Betroffenen, die eine derartige Verletzung mit einer guten Perspektive überlebt haben.

Die Bundesländer haben dafür unterschiedliche Anlaufstellen. In Bayern verweist Regner auf das Zentrum Bayern, Familie, Soziales und den Integrationsfachdienst IfD. Auch die Arbeitsagentur weiß über das Engagement des Unternehmens Bescheid. Michelle Regner fragt trotzdem regelmäßig selbst nach, ob es geeignete Bewerberinnen oder Bewerber für ihre Firma gibt.

„Ich fände es gut, wenn viel mehr Branchen und KollegInnen schwerbehinderten MitarbeiterInnen eine Chance geben würden. Wer körperlich eingeschränkt ist, ist oft geistig top oder trotz seines Handicaps super als Bauleiter. Seien Sie nicht abgeschreckt. Viele lesen den Grad der Behinderung (GdB), von vielleicht 40 oder 80 Prozent. Aber deshalb ist dieser Mensch nicht schlechter oder besser. Er hat nur eine Einschränkung, die man anders zum Vorteil nutzen kann.“

Linktipps:

www.martin-galabau.de
Teammitglieder und ihre Lieblingsprojekte bei Martin GaLa-Bau

Anlaufstelle für Betriebe, die Menschen mit Behinderungen beschäftigen (möchten) – und Beratung und Förderung brauchen:

bundesweit der Integrationsfachdienst IfD
und für Bayern das Zentrum Bayern, Familie, Soziales

2022-05-16T12:32:40+02:00
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